Das fünfte Element / Werke aus der Sammlung Kemp
Lothar Adam
Um es vorweg zu sagen: Die Ausstellung des Düsseldorfers Kunstpalastes zeigt 70 erstklassige Werke der Moderne, überwiegend aus der umfangreichen Sammlung von Willi Kemp (1927-2020) – z. B. von Gotthard Graubner, Antoni Tàpies, HAP Grieshaber und Raimund Girke.
Erläuterungen bedarf der etwas geheimnisvolle Titel der Ausstellung „Das fünfte Element“. Die eine oder der andere wird sich an einen gleichnamigen Science-Fiction-Film von Luc Besson aus dem Jahr 1997 erinnert fühlen. Die Ausstellung spielt aber auf die alte Lehre von den Elementen Feuer, Luft, Erde und Wasser des griechischen Philosophen Empedokles (ca. 490–430 v. Chr.) an. „Das fünfte Element“ nimmt einerseits Bezug auf die Erweiterung der vier Elemente durch Aristoteles, der mit dem „Äther“ das Unveränderbare, Reine und Perfekte der Himmelsphären auf den Begriff bringen wollte; andererseits aktualisieren die Ausstellungsmacher*innen das fünfte Element zur „Quintessenz“, die „Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Natur miteinander verbindet“ – so die Kuratorin Therés Lubinetzki in der Einleitung des hervorragenden Katalogs.
In der Ausstellung ist jedem „Element“ ein Raum gewidmet, das „fünfte Element“ wird über drei Räume ausgebreitet, ist aber als Frages nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Faust), in allen Räumen präsent.
Hilft uns dieses Konzept, die Kunstwerke besser oder aspektreicher zu verstehen?
Meine Antwort lautet: Es hängt von den Haltungen der Betrachtenden ab.
Will man eine schlichte chronologische Hängung umgehen und Ausstellungsbesucher*innen z. B. mit Hilfe des Ausstellungstitels oder der Raumüberschriften Orientierungspunkte bieten, stößt man bei der modernen, konkreten bzw. abstrakten Kunst nach 1950 auf die besondere Schwierigkeit, dass thematische oder motivische Vergleiche nur schwer möglich sind. Eine Gliederung der Werke nach den vier bzw. fünf Elementen verspricht ertragreich zu sein, zumal sich die Kunst nach 45 auf neuen Wegen erprobt und unverbrauchte Ausdrucksformen sucht: mit kunstfernen Materialien wird gearbeitet, (man denke etwa an den Streit um Serras Stahlplastik „Terminal“ am Bochumer Hauptbahnhof); Themen wie Bewegung, Wandel und Zeitlichkeit werden virulent (vor kurzem zeigte dies eine große Ausstellung im Lehmbruck Museum mit Werken von Eva Aeppli und Jean Tinguely); künstlerisches Denken verbindet sich mit wissenschaftlichen Fragestellungen (das Bottroper Quadrat zeigt momentan Werke des Land-Art-Künstlers Robert Smithson).
Aber es besteht die Gefahr, dass die gezeigten Werke durch die Hängung in einem bestimmten Raum eine zu einseitige/eindeutige Deutungsperspektive bekommen.
Gehen wir durch die Ausstellung und achten auf die Zuordnung der Werke zu den jeweiligen Räumen, gibt es Werke, bei denen die Raumzuordnung Sie überraschen wird.
Das fünfte Element
Ein Beispiel: In einem Raum zum fünften Element, in dem ansonsten nur Lichtobjekte ausgestellt sind, stößt man auf das Gemälde „Higgs“ von Georg Schmith. Ein Higgs-Feld ist ein unsichtbares Energiefeld, das im gesamten Universum existiert und Elementarteilchen ihre Masse verleiht. Ist das nicht ein schönes Bild für die Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter? Vielleicht eröffnet das Bild die Möglichkeit, dass aus den wahrgenommen Sinneseindrücken beim längeren Betrachten etwas Erlebtes wird und man die Spannungen, Kräfte, Energien, die durch die kontrastierende Farbwahl und den Pinselduktus entstehen können, spürt. Somit lässt sich dies zweidimensionale Gemälde begründet den Räumen über das fünfte Element zuordnen.
Und worin besteht der Zusammenhang zwischen Konrad Klaphecks „Die Ideale der Väter“ und dem fünften Element?
Wenn man bedenkt, dass das Gemälde auf ironische Weise auf Ideale und Werte der Vätergeneration anspielt, visualisiert das Bild Strömungen eines Zeitgeistes nach 45, gegen den sich die abstrakte Kunst auf ihre Weise in Stellung gebracht hat.
Die Beispiele zeigen, dass die plakative Zuordnung eines Kunstwerks zu einem Element, die zunächst irritiert, fruchtbares Analysieren und Deuten auslösen kann.
Wie sieht es nun mit solchen Werken aus, bei denen wir schon nach kurzem Augenschein den Eindruck haben, dass die Bild-Raum-Relation passt?
Das Element Luft
Auf den ersten Blick scheint die Zuordnung der Installation von Hans Haacke „Kleines Segel“ zum Element Luft eindeutig zu sein. Aber könnte nicht auch eine Wasserbewegung angedeutet sein? Diese Installation funktioniert nur aufgrund eines auf dem Boden angebrachten Ventilators, der Luft auch in dem Ausstellungsraum in eine zirkuläre Bewegung bringt. Wird so nicht auf Energiekreisläufe angespielt und die Installation passt auch zum fünften Element?
Das Element Feuer
Ein weiteres Beispiel für eine auf den ersten Blick einleuchtende Zuordnung:
Die Gruppe ZERO und vor allem Otto Piene nutzten das Feuer als künstlerisches Ausdrucksmittel. In seinen Feuerbildern gab er Farben, Lacke und andere brennbare Flüssigkeiten auf eine grundierte Leinwand und zündete diese an, wobei er den Bildträger bewegte. Der Doppelcharakter des Feuers mit seiner Zerstörungs- und Schöpfungskraft wird augenfällig. Wie schon der Titel des Bildes „Roter Herbst I“ andeutet, ist aber auch der Eindruck eines glühenden Himmels möglich, vor dem sich ein erdiges Objekt bewegt, das durch starke Windstöße zerzaust wird, wodurch die Zuordnung zumindest an Eindeutigkeit verliert.
Das Element Erde
Wie oben schon mit dem Hinweis auf die Ausstellung über Robert Smithson in Bottroper Quadrat (s. a. unseren Ausstellungskommentar) angedeutet, ist sicherlich die Land Art die Kunstströmung, die sich am direktesten mit dem Erdboden und den Landschaften auseinandersetzt und damit den Skulpturbegriff radikal erweitert. Für Museen sind Ausstellungen zur Land Art natürlich eine Herausforderung.
Einfacher auszustellen sind Künstler*innen, die zwar erdige Materialien verwenden, aber bei einem zweidimensionalen Bildgrund bleiben. Schon Braque und Picasso haben mittels Sand oder Gips rauere Obeflächentexturen geschaffen.
In der Ausstellung hat mich ein Bild des für seine späteren Verhüllungen bekannten Künstlers Christo überrascht. Dieses aus dicken Schichten Sand und Lackfarben entstandene Bild aus der Serie Krater ermöglicht Assoziationen an surreale Frottagen von Max Ernst oder an die Bilder von Jean Dubuffet. Die Oberfläche dieser Materialstudie wirkt reliefartig, lässt aber auch eine räumliche Staffelung erkennen. Durch Bezüge zu herunterlaufenden, erkalteten Lavaströmen ließe sich das Bild auch in die Nähe der Elemente Feuer und Wasser rücken.
Das Element Wasser
Ein großes Bild, auf dem eine blaue Farbkaskade von oben herunterstürzt, muss mit Wasser etwas zu tun haben, so die erste Einschätzung. Und in der Tat, das Blaue könnte ein Fluss sein. Aber vor allem die schwarzen dynamischen Pinselstriche verunklären einen Bezug auf Landschaften. Es scheint dem Maler Hann Trier eher um das Protokoll seiner Bewegungen vor der Leinwand zu gehen. Zwar lassen sich im oberen Drittel des Bildes, angeregt durch den Bildtitel „Schwimmen 3“, Armbewegungen eines Schwimmenden ausmachen, die in ihrem Rhythmus auch das Wasser durchdringen. Im unteren Teil kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Versinken oder Tauchen angedeutet ist. Die Ansichten springen innerhalb des Bildes um: Seitenansicht eines in die Tiefe stürzenden Baches oben, leichte Aufsicht auf einen Schwimmenden in der Mitte, und – sehr spekulativ – Froschperspektive auf einen auf- oder abtauchenden Schwimmer unten. Zentral ist aber eine unglaubliche Energie, die den Schwimmer durch das Wasser treibt – und damit ist das Bild auch ein Kandidat für das fünfte Element.
Fassen wir zusammen: Die Ausstellung zeigt großartige Kunstwerke. Sie werden in einer Konzeption entlang der Lehre von den Elementen vorgestellt. Es gibt Werke, die in mehreren Räumen ihren Platz finden könnten, wobei das fünfte Element – wie von den Ausstellungsmacherinnen beabsichtigt – als zentraler Aspekt hervortritt. Nutzt man das Ausstellungskonzept als einen Rahmen, über den es gilt nachzudenken und – um im Bild zu bleiben – an der ein oder anderen Stelle über ihn hinwegzuspringen, so kann der Besuch dieser Ausstellung zu einem großen Seh- und Denkvergnügen werden.


Lieber Lothar, auf den ersten Blick fand ich diese Ausstellung nicht interessant. Die erste Skulptur „Double Neon“ ist mir zu clean. Durch deine Rezension bekomme ich nun doch Lust mir die Ausstellung anzuschauen.
Edith
Lieber Lothar,
interessante Ausstellung mit gutem Kommentar und gezielter – oder gesuchter – Themenbenennung. Mag sein, dass ein „Thema“ zu neuer Betrachtung ermuntert. Dieser seit etlicher Zeit überall im Kunstbereich grassierende Trend erscheint mir aber manchmal – oder zunehmend – als voluntativer Akt der Ausstellungsmacher, der das Ganze auch „zukleistert“ und alternative (um nicht zu sagen: betrachtereigene) Sichtweisen eher verstellt.
Im Übrigen: Habt ihr schon gesehen, was die KI mit eurem „Ausstellungskatalog“ anfängt?
Beste Grüße Hans