Gerhard Hoehme – enträtsel nicht die Orte
MKM Museum Küppersmühle in Duisburg
Gerhard Hoehme (1920-1989) zählt zu den richtungsweisenden Künstlern der Abstraktion und des Informel in Europa. Er hat ein facettenreiches, experimentelles Werk an der Schwelle zwischen Malerei und Objekt geschaffen. Seine frühen Bilder sind tachistisch-lyrisch, und ab 1957 begann er, das konventionelle Bildformat zu verlassen und verschiedene plastisch-malerische Erscheinungsformen von Farbe zu erproben. Nach Schrift- und Strukturbildern entstanden ab 1965 Raumobjekte und -installationen mit Schnüren und Schläuchen aus Kunststoff. Die aus dem Bild herausführende Schnur wird zu einem essenziellen Ausdrucksmittel. Hoehme sah seine Werke als Energiefelder, die unmittelbare Verbindungen zwischen Raum und Betrachter herstellen. Seine poetischen, assoziativen Bildtitel steigern die Vielschichtigkeit seiner Arbeiten und verweisen auf den intensiven Austausch mit Literatur und Musik.
Kunstgeschichte in Nordrhein-Westfalen
Klaus-Peter Busse
Dass sich in Nordrhein-Westfalen seit den späten 1950er-Jahren viel ereignete, was die Entwicklung der damals zeitgenössischen Kunst beeinflusste, weiß man kaum, oder man verbindet das mit der Wirkung des Werks von Joseph Beuys. Aber neben ihm gab es weitere, damals sehr wichtige Künstler, die die Auseinandersetzung mit der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg vorantrieben. Vor Jahrzehnten verdichtete sich in Düsseldorf dieser Vorgang.
Das hatte nicht nur mit der dortigen Kunstakademie zu tun, sondern mit den entstehenden Netzwerken von Galeristen und Kunstkritikern. In der „Galerie 22” von Jean-Pierre Wilhelm trafen sich junge Maler, die die informelle Malerei in Deutschland vorantrieben. Der Galerist Wilhelm war ein „homme de lettres” und Netzwerker zwischen New York, Paris und der Stadt am Rhein. Er, als Freund von Paul Celan, interessierte sich für den Zusammenhang von Dichtung und Kunst und unterstützte die Künstler, die in diesem Bereich arbeiteten.
Gerhard Hoehme und Paul Celan
Welche große Bedeutung Paul Celan für Gerhard Hoehme hatte, wird in dem Ausstellungskatalog von 1986 sichtbar: “Gerhard Hoehme / Bilder – Objekte / Paul Celan / Gedichte” (Hrsg. Galerie Georg Nothelfer). Hoehme beschreibt dort die erste Begegnung mit Celan in der Wohnung von Jean-Pierre Wilhelm, der noch viele Treffen und eine lebenslange Anteilnahme an den jeweiligen künstlerischen Entwicklungen folgen sollten. “Ich fühlte mich so verwandt mit ihm, daß er eine Fundgrube für meine Bildtitel wurde.” In diesem Katalog werden 17 Gedichte von Celan mit 20 Abbildungen kombiniert.
Vor dem Bild „flieg, dunkler Vogel flieg“ ist Celans Gedicht „FLÜGELNACHT“ (verlinkt) abdedruckt.
Dabei half ihm der Kunstkritiker Manfred de la Motte, der mit seinen Texten zur Kunst über die Grenzen von Düsseldorf hinaus bekannt und geschätzt war. Wilhelm und de la Motte hatten ein sicheres Gespür für die neuen Entwicklungen, die sich seit den späten 1950er-Jahren zeigten. Das geschah in der Malerei im Kreis der Künstler des „jungen westens”, die in seiner Galerie ausstellten. Wilhelm holte aber auch andere Künstler nach Düsseldorf. Die amerikanischen Künstler Robert Rauschenberg und Cy Twombly hatten dort ihre erste Ausstellung außerhalb der Heimat. Die Kritiken in der Tagespresse zeigen bis heute, wie schwer es die Künstler mit ihren Bildern hatten. Wenige wurde verkauft, und manchmal wanderte ein Bild für geringes Geld in eine Privatsammlung, wo man heute seinen Wert hoch versichern muss.
Neben Emil Schumacher und Peter Brüning trat auch der Maler Gerhard Hoehme bei Jean-Pierre Wilhelm auf. Von hier aus entfaltete sich die Wirkung ihrer künstlerischen Arbeit. Zwischen ihnen (und Manfred de la Motte) entstand ein reger Austausch, und die „Galerie 22” wurde zu einem Hotspot der Kunst dieser Zeit. Das Gästebuch der Galerie und die vielen Dokumente aus dem Archiv des Galeristen belegen diese rege Auseinandersetzung. Peter Brüning und Gerhard Hoehme gingen nach Rom, wo sie auf andere wichtige Künstler trafen. Manfred de la Motte hatte ihnen wohl mit auf den Weg gegeben, dort nach dem Werk von Cy Twombly zu suchen, über den er seit einiger Zeit bereits Texte verfasst hatte. Peter Brüning änderte sofort seinen Malstil, als er die Bilder des Amerikaners dort sah, und die Ausstellung in Duisburg mit ihrem begleitenden Katalog verweist darauf, wie wichtig diese Begegnung auch für Gerhard Hoehme war, der ein Stipendium für die Villa Massimo erhalten hatte. Die Spuren dieser Begegnungen zeigen sich in seinem Werk erst in den 1980er-Jahren, als das Gemälde „an der Schwelle zu Heliopolis – an jedem der Ufer ein anderes Bild” entstand, in dem Gerhard Hoehme den malerischen Ansatz Twomblys sehr direkt zitiert.
Bestimmt hatte er das Werk seines Kollegen auf der damaligen Biennale in Venedig verfolgt. Das große Bild Hoehmes zeigt die Ausstellung im großen Saal.
Gerhard Hoehme entwickelte in seiner vielfältigen Form der künstlerischen Auseinandersetzung ein eigenständiges Werk zwischen Orten, der Literatur und Malerei, die er in den Raum vor dem Bild öffnete. Der Besuch der Ausstellung bereitet ein Fest für die Augen. Aber ein Verständnis seines Beitrags zur Entwicklung der Malerei in Deutschland stellt sich erst ein, wenn man das Werk im Kontext seiner Zeit sieht. Aus den Fesseln ihrer schwierigen Rezeption musste sich auch Hoehmes Werk befreien.
Die Ausstellung läuft noch bis zum
31. Mai 2026!

