Ein Wieder-Sehen mit Überraschungen

Jubiläumsausstellung „Linie Fläche Raum. 100 Jahre Museum Ratingen“

Lothar Adam

Sicher, das Museum in Ratingen mit seiner Leiterin Wiebke Siever zählt zu den kleineren in NRW, aber die zeitgenössischen Kunstwerke, die jetzt anlässlich seines 100jährigen Bestehens gezeigt werden, sind aller Ehren und einen Besuch wert.
Man stößt auf bekannte und große Namen: Twombly, Tàpies, Schnabel, Schumacher,
und begegnet eher unbekannten Künstler*innen aus dem Ratinger und Düsseldorfer Raum. Die insgesamt 28 Künstler*innen in der Ausstellung zeigen Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Foto- und Videoarbeiten.
V. a. beeindruckend ist das von der Kuratorin Anne Rodler hervorragend inszenierte Zusammenspiel der einzelnen Werke auf den beiden Etagen des Museums. Die Besuchenden können thematische Bezüge entdecken: So werden Stadtansichten Natureindrücken gegenübergesetzt. Viele Blickachsen eröffnen farbliche Bezüge, und in der oberen Etage entsteht ein Kontrast aus schwarzen Bildern und einem weißen Raumobjekt.

Ausstellungsansicht Obergeschoss
Ausstellungsansicht Obergeschoss (eigenes Foto)

Beide Etagen werden verbunden durch eine Rauminstallation, in der Alke Reeh orangefarbene Stoffbahnen zu geometrischen Formationen organisiert.

Auch der Titel der Ausstellung „Linie Fläche Raum“ kann als Hinweis auf ihre Gliederung verstanden werden. Bezug genommen wird mit ihm auf die Schrift von Wassily Kandinsky, die im Gründungsjahr des Museums 1926 erschienen ist: „Punkt und Linie zu Fläche“ ist eine Kunsttheorie, die erklärt, wie die einfachsten Elemente der Kunst zusammenhängen.

Ausstellungsansicht Treppenhaus Installation von Alke Reeh (eigenes Foto)

Ein Bild von Peter Brüning, das im Vorraum des Museums aufgehängt ist, spielt ganz offensichtlich auf zentrale Werke von Kandinsky an. Der Maler hat den Namen dieses Wegbereiters der Abstraktion auf die Rückseite der Leinwand geschrieben, was die Kuratorin mir verraten hat.

Bild im Eingangsbereich von Peter Brüning
Peter Brüning, Nr. 9/64, 1964, Öl und farbige Kreide auf Leinwand, 150 x 200 cm (eigenes Foto)

Eine Entdeckung für mich sind die Bilder von Jan Holthoff (*1977 Duisburg), in denen gestische und expressive Pinselstriche kombiniert werden mit ruhigen, aber intensiven Farbfeldern vor einem farblich diffusen Hintergrund.

Holthoff
Jan Holthoff, Untitled, 2024, Acryl auf Leinwand,  153 x 121 cm, © Jan Holthoff 2026

Der vielleicht größte Ratinger Künstler, Peter Brüning (1929 – 1970), wird an verschiedenen Orten der Ausstellung präsentiert. Er hatte seit 1954 Wohnsitz und Atelier in Ratingen an der Stadtgrenze zu Düsseldorf.

Es macht Spaß, an verschiedenen Stellen in der Ausstellung Bilder von Peter Brüning zu entdecken und dabei seine künstlerische Entwicklung zu rekonstruieren. Von den ersten Baumbildern aus dem Jahre 1954, über die gestischen Bilder bis hin zu den letzten „Umleitungsbildern“ von 1970, die uns schon in der Eingangshalle des Museums begrüßen.

Bild Wanderwege von Peter Brüning
Komposition 5/66 »Meine Bewegungsspuren am See«, 1966 (mit Überarbeitungen im „Seeteil“ von 1970), 175 x 125 cm, Öl auf Leinwand (eigenes Foto)

Hinter der Wand zum Treppenhaus stößt man auf das große Bild „Mosaik“ von Driss Ouadahi (* 1959), einem algerischen Maler, der in Düsseldorf und Paris lebt. Auf den ersten Blick fühlt man sich an die Fassadenfotografien von Andreas Gursky erinnert. Andererseits verweist der Titel „Mosaik“ auf die in Algerien erhaltenen römischen Mosaike, z. B. von Djemila, Timgad und Tipas, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Driss Mosaik-Bild
Driss Ouadahi, Mosaik, 2022, Öl auf Leinwand, 180 x 220 cm, Museum Ratingen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Da man gerne wissen möchte, ob wirklich die Fassaden einer Hochhaussiedlung mit Pflanzen im Vordergrund zu sehen sind, tritt man näher an das Bild heran.

Die aufgelegte Rasterung erscheint nun als ein riesiges offenes Regal, das verschiedenen perspektivischen Richtungen folgt. Durch die „Regalfächer“ sieht man Fenster, in denen sich der Himmel spiegelt, Bäume und Mauern; zwischen den beiden Ebenen erstrecken sich halb-transparente, meist grünliche Farbflächen. Diese Nahsicht kann zur Bestimmung des Bildinhaltes nicht viel beitragen. Es ist an den Betrachtenden, sich ein Bild vom Bild zu machen. Festhalten kann man aber, dass es Driss Ouadahi mittels der „Mosaiktechnik“ gelingt, unsere gewohnten Stadtansichten zu verfremden, wobei wir Architekturelemente ansichtig werden, die das Alter der römischen Mosaike nicht erreichen werden.

Driss Ouadahi, Mosaik – Detailansicht (eigenes Foto)

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf drei Grafiken von Cy Twombly:

Twombly Laurus Nobilis
Twombly Quecus Robur

Cy Twombly,, Quercus Ilex VI, Laurus Nobilis VI, Quercus Robur VI 1975/1976, Lithografien auf Fabriano-Bütten, je 76 x 56 cm, aus der Mappe: „Natural History Part II: Some Trees of Italy“, © Nachlass Cy Twombly

Die Drucke wurden von Twombly nach dem Druck mit wenigen Anmerkungen ergänzt. In ihnen beschäftigt er sich mit der Naturgeschichte Italiens; nach Studien über Pilze im Val Gardena folgen hier Auseinandersetzungen mit der Stieleiche, dem Echten Lorbeer und der Steineiche. Die Drucke wird er später verwenden, um seine Gemälde zum ikonografischen Thema der Idylle nach Theokrit zu entwickeln. Sie stellen die Blätter des Baums dar, sind aber zugleich Metaphern für die Entwicklung der Natur. Dieses Motiv begleitet das Werk bis in die Darstellung von Blütenblättern und Zeichen für musikalische Noten im mythischen Lebensraum Apollos. ( Cy Twombly „Apollo and the Artist“ von 1975).

Insgesamt kann man die Ausstellung sehr empfehlen, da sie bedeutende Kunstwerke der Moderne präsentiert und Besucher*innen durch die Hängung ermöglicht, diese in einen Dialog eintreten zu lassen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 

16. August 2026!

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