Alte Freunde trifft man gerne wieder!

Die Scharf Collection im Düsseldorfer Kunstpalast

Lothar Adam

Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt rund 180 Exponate aus der deutschen Privatsammlung Scharf Collection – vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart – mit Werken bedeutender Künstler wie Monet, Cézanne, Bonnard, Matisse und Picasso. Die Scharf Collection geht zurück auf den Berliner Sammler Otto Gerstenberg (1848-1935). Heute führen René Scharf und seine Frau Christiane die Sammlung bereits in vierter Generation fort und erweiterten sie um internationale zeitgenössische Kunst, etwa von Sam Francis, Daniel Richter und Katharina Grosse.
Die Ausstellung ist weitgehend chronologisch geordnet, hat aber auch einige Themenräume.
Mit meiner zugegeben subjektiven Auswahl der etwas näher vorgestellten Kunstwerke und den von mir gewählten Überschriften möchte ich Ihre Neugier auf diese Ausstellung wecken.

Würdevolles

Porträt Gerstenberg
Max Liebermann, Bildnis Otto Gerstenberg, 1919, Öl auf Leinwand, 93.5 x 73,5 cm © The Scharf Collection, Foto: Henning Krause

Im ersten Raum der Ausstellung begegnen wir dem Porträt des Gründers der Scharf Collection: Otto Gerstenberg, gemalt von Max Liebermann, der den bürgerlichen Mäzen und seine Sammlung sehr schätzte.
Mit der Würde eines gebildeten, vornehmen Bürgers, der es nicht nötig hat, sich mit Status- oder Macht-Symbolen zu umgeben, blickt uns Gerstenberg ruhig, konzentriert und selbstbewusst an. Liebermanns impressionistische Malweise betont die Hände, wodurch er vielleicht auf die klugen Entscheidungen bei der Auswahl der Sammlungsobjekte angespielt.

Komisches

Daumier Kleine Büsten
Honoré Daumier, Bronzebüsten des Parlaments der Juli-Monarchie, (um 1831-1835 (Entwurf), 1919/30 (Guss) Ausstellungsansicht – eigenes Foto

Honoré Daumier karikiert die politische Elite während der Regentschaft von König Louis-Philipp (von 1830 bis 1848), der sich im Verlauf seiner Herrschaft als machthungriger und gewalttätiger Herrscher erwies.

Dramatisches

Bild von Delacroix "Der Tod des Lara"
Eugéne Delacroix, Der Tod des Lara, 1847/48, 51,7 x 65,6 cm - eigenes Foto

Michelangelos Pietá ist die Vorlage für Eugéne Delacroix, wenn er den „Tod des Lara“ von 1847/48 in einer dramatischen romantischen Landschaft stattfinden lässt. Der Adelige Lara ist die Hauptfigur in dem gereimten tragischen Erzählgedicht von Lord Byron (1814 zuerst veröffentlicht). Schwer verletzt aus einer Schlacht heimkehrend stirbt Lara in den Armen seines treuen Pagen Kaled, der sich bis dahin als Mann verkleidet hat und Lara heimlich liebt. Welch ein Schmerz! Der Pathos des Bildes wirkte kitschig, hätte Delacroix die Szene nicht relativ klein in die rechte Ecke dieser unwirtlichen Landschaft platziert, die schon Impressionistisches andeutet.

Sicherlich ein Ausrufezeichen dieser Ausstellung ist Monets „Waterloo-Bridge“.

Atmosphärisches

Monet Waterloo-Bridge
Claude Monet, Waterloo Bridge, 1903, Öl auf Leinwand, 65 x 100 cm © The Scharf Collection, Foto: Ruland Photodesign

Die Auflösung von Gebäuden in Nebel, Licht und Schatten, darum ging es Monet in vielen Bildern und Bildserien, wobei Londoner Nebel und Smog diesem Gestaltungsinteresse entgegenkamen. Ja gerade die Abgase, die durch die Fabrikgebäude auf der South-Bank verursacht wurden, waren für das gebrochene Sonnen-Licht und die Atmosphäre verantwortlich, die Monet so schätzte. Von seinem Zimmer im Londoner Savoy Hotel aus hat er über 40 Bilder mit diesem Motiv gemalt, zumindest angefangen – vollendet wurden sie häufig in seinem Atelier in Giverny, wo er dauerhaft lebte. Sie zeigen immer andere Tageszeiten oder Wetterlagen; Bilder mit Sonnenschein, wie das der Scharf Collection, sind selten. Monets Maltechnik der kleinen, schnellen Pinselstriche und dem Nebeneinandersetzen der Komplementärfarben Blau und Orange rufen ein Flimmern hervor, wodurch das Instabile, Nicht-Greifbare, das Sich-Wandelnde des dargestellten Seheindrucks veranschaulicht werden.

Konstruktives

Cezannes Großer Baum
Paul Cezánne, Der große Baum, 1890 – 1895, 49,8 x 64,9 cm – eigenes Foto

Was für ein wunderbares, lockeres, lichtdurchflutetes Aquarell des Begründers der Moderne. Das Ziel von Cézanne ist nicht die möglichst authentische Wiedergabe seines optischen Eindrucks, wie bei Monet, sondern eher die Re-Kreation von Landschaftsimpressionen mittels seiner individuellen Bildsprache.
Rekonstruieren wir zum besseren Verständnis den Malprozess anhand des obigen Bildes „Der Große Baum“.
Zuerst werden offensichtlich mit Bleistift Umrisse und dunkle Flächen des Baumes und der Umgebung markiert, diese Linien bleiben weitgehend sichtbar. Zur Verdeutlichung von Schatten bzw. dunklen Zonen des Stammes und der Landschaft werden kleine Fläche und einige Konturlinien mit Blau– und Brauntönen markiert. Dann folgen Staffelungen von Grün- und Rottönen für die Blätter und den Boden. Dabei legen sich helle kleine Farbflächen transparent über dunklere. Das Auge der Betrachtenden folgt diesen Farbstaffelungen von dunkel nach hell und assoziiert mit den Freiflächen die hellsten Ausformungen der jeweiligen Farbabstufung. Von zentraler Bedeutung bei seinen Aquarellen sind somit die unbearbeiteten Flächen des Malgrundes, die das Auge des Betrachtenden aktiv herausfordern. Da Dunkles an von Licht beschienenen dreidimensionalen Objekten nach hinten drängt, bildet das Auge an den Freiflächen, der Logik der Farbstaffelungen folgend, häufig nach vorne in den Raum kommende Formen aus. Insgesamt ist in dem Bild eine räumliche Tiefe nur schwer erkennbar. Zwar ist der Baum etwas in den Mittelgrund des Bildes gerückt, aber ansonsten werden räumliche oder gegenständliche Hinweise nur spärlich gegeben. Sind im Hintergrund oben ein Berg und in der Mitte ein Gebäude angedeutet? Bei der Farbwahl dominiert ein blasser Komplementärkontrast von Grün und Rot. Die Komposition erfährt mit dem Baumstamm einen lauten senkrechten Akzent auf der linken Seite. Zur rechten Seiten lösen sich mit eher waagerechten Konturen die Bildgegenstände auf und der unbearbeitete Bildgrund lässt den Anfangsakkord leise verklingen – wenn ich mal diese musikalische Metapher bemühen darf.
Etwas ungewöhnlich Zartes und Berührendes geht von diesem Bild aus.

Intimes

Jetzt sind wir gut vorbereitet, um zu meinem Highlight der Ausstellung zu kommen.

Bild von Bonnad "Vase mit Blumen"
Pierre Bonnard, Vase mit Blume, 1933, Öl auf Leinwand, 99,5 x 48,5 cm © The Scharf Collection, Foto: Ruland Photodesign

Welch ein warmer, flimmernder Farbrausch stürmt auf den Betrachtenden ein! Nirgends findet in Pierre Bonnards „Vase mit Blume“ das Auge Ruhe, auch wenn es sehr schnell erkennt, dass sich eine Vase mit Blumen auf einem gelb, rot und orange leuchtenden Tisch im Zentrum des Bildes befindet. Also ein Stillleben. Aber selten ist eine Bezeichnung so irreführend. Denn nichts ist in diesem Bild still. Die Farben – mit weichen Pinselstrichen gesetzt – beißen sich an einigen Stellen. Das Licht des Bildes scheint von ihnen auszugehen und nicht von einer lokalisierbaren Lichtquelle außerhalb des Bildes. Es fehlt eine Zentralperspektive, die Ordnung und Ruhe ins Bild bringen könnte. Die Tischfläche scheint hinten etwas hoch zu gehen. Die Tischkante vorne weist keine klare Kante auf. Die herabhängende Tischdecke ist ein Feld wilder Farbakzente. Viele der gelben, weißen und violetten Blumen sind aufgrund unscharfer Konturierung nicht bestimmbar. Im Hintergrund gehen die Farben so ineinander über, dass eine eindeutige Abgrenzung und Identifizierung einzelner Gegenstände des Raumes nur schwer möglich ist. Selbst der gebogene Gegenstand hinter dem Tisch ist nicht eindeutig als Stuhllehne oder Anfang eines Bettgestells erkennbar.

Im Zentrum des Bildes (aber nicht genau in der Mitte platziert!) hält eine weiße Vase mit roten Blumenmuster einen Strauß Blumen, wie man sie vielleicht auf einer Wiese findet. Die Weißtöne im Fußbereich der Vase ermöglichen das Spielen mit reizvollen und angenehmen Assoziationen.

Ich sehe in der Vase mit den Blumen eine schreitende Frau, schräg von hinten gesehen, im langen weißen Kleid mit rotem Blumenmuster und gold-blonden Haaren, die einen riesigen Blumenstrauß, den sie gerade im Garten gepflückt hat, vor sich her trägt und dabei über eine sonnenbeschienene Fläche in Richtung eines Tores geht. Die dunkle Fläche vor der Frau markiert den Weg. Ich habe für diese Deutung die Augen ein wenig zugekniffen und meiner Phantasie freien Lauf gelassen. Und dieses Phantasieren, so meine These, provoziert das Bild selbst. Denn offensichtlich ging es Bonnard nicht um eine naturgetreue Abbildung, viel eher um eine poetische Erinnerung an ein lichtdurchflutetes Zimmer, in dem auf einem Tisch ein Blumenvase stand.

Diese Ausstellung bietet viele Beispiele für dieses Potential der Kunst. Um das Format eines einführenden Kommentars nicht zu sprengen, seien noch einige Werke bzw. Künstler*innen nur kurz erwähnt: die riesige Auswahl an Druckgrafiken von Toulouse-Lautrec, die Scherenschnittbilder aus der Sammlung „Jazz“ von Matisse, neuere Erwerbungen von Sam Francis, Katharina Grosse, Martin Eder und Daniel Richter, um einige wichtige Künstler*innen dieser Sammlung zu nennen.

Ich hoffe, Ihre Neugier für diese Ausstellung ist geweckt.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 8. August 2026!

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