Nachttischlampen für verlorene Göttinnen
Rebekka Benzenberg
THEY LONGING FOR AN ANCIENT TRACEDY
im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr
Lothar Adam
Mit der ersten institutionellen Einzelausstellung von Rebekka Benzenberg (*1990 in Duisburg) „THEY LONGING FOR AN ANCIENT TRAGEDY“ verschafft das Kunstmuseum Mülheim unter der Leitung von Dr. Stefanie Zanon und Anja Bauer-Kersken (Kuratorin) der Künstlerin einen beeindruckenden Auftritt.
Der Ausstellungsstellungsraum befindet sich in der obersten Etage des Museums.
Alle Fotos sind Ausstellungsansichten von Lothar Adam und unterliegen dem Kopierschutz.
Betreten wir den Ausstellungsraum, begegnet uns Unerwartetes.
Was ist das? Wo sind wir hier hineingeraten?
Betritt man den Ausstellungsraum von Rebekka Benzenberg, ist man zunächst verwirrt. Eine Mischung aus Krankenzimmer und Geisterbahn scheint sich vor einem aufzutun. In einer halbdunklen Gesamtatmosphäre werden verschiedene Raumabschnitte mit Tischstrahlern heller angestrahlt. Leere Abgüsse und Schatten scheinen den Raum zu bevölkern, in dem durch kleine Nachttische und Nachttischlampen eine fast heimelige Atmosphäre herrscht. Wären da nicht diese merkwürdigen braunen Objekte! Es sind Abformungen von Skulpturen, die stark fragmentiert und ohne einen Sockel auf Stativen gestützt werden. Etwas Zombiehaftes ist ihnen zu eigen. Als ob sich Teile der äußeren Ummantelung der Skulpturen gelöst und – heimatlos durch die Welt irrend – erst hier im Museum einen Ruheraum gefunden hätten.
Diese Schemen sind offensichtlich umgezogen, worauf die Umzugskartons– ironisch gebrochen – hinweisen. Es ist eine großartige Idee der Künstlerin, mit den Kartons eine Brunnenanordnung anzudeuten, denn so kann man erahnen, in welchen Kontexten die „verlassenen“ Skulpturen sich befinden.
Tritt man näher an die Figuren heran, erkennt man ihre Machart: Ähnlich der Herstellung eines Gipsverbandes bei einem Armbruch, allerdings hier mit Kunststoff, werden Abdrücke von Skulpturen bzw. von Teilen von ihnen gemacht.
Was für eine Transformation! Das Harte der Skulpturen, ihrer Materialien aus Marmor, Bronze oder Stahl, wurde verwandelt in etwas Leichtes und Formbares. In ihrer Zartheit wirken die Abformungen zerbrechlich und verletzlich, im Vergleich zu den tonnenschweren Bezugsobjekten.
Von ihrem Ausstellungsort und dem Funktionszusammenhang (z.B. als Verschönerungsobjekt in einem Park) befreit, scheinen diesen Abformungen jetzt ein Eigenleben zu führen. Die Künstlerin hat sich ihrer angenommen und ihnen einen Ort zum Verweilen geboten.
Die Frage nach den Gründen für dieses Transformieren der Skulpturen liegt nahe. Dazu schauen wir uns mal die Geschichte eines der Bezugsobjekte an, das mit der Stadt Mülheim in besonderer Verbindung steht. Gar nicht so weit vom Museum entfernt – von der Ruhrbrücke aus zu sehen – steht im Schaufenster der Jahrhunderthalle die „Flora“, 1920 von Erich Langer geschaffen.
Ursprünglich stand die Skulptur im Rosengarten des Dimbeckparks. Dort wurde sie über Jahre hin- weg immer wieder attackiert. Um sie zu ,,schützen“, ersetzte man das Original durch eine Replik aus glasfaserverstärktem Kunststoff und verbrachte die echte Skulptur in die Stadthalle. Doch auch die Kopie überlebte nicht: 2016 fiel sie Vandalismus zum Opfer. Heute erinnern nur noch zwei Füße – eingesperrt in einem Plexiglaskasten – an die einstige Präsenz der Figur.
In diesem wiederholten Vandalismus an einer weiblichen Skulptur sieht die Künstlerin ein Symptom von Frauenfeindlichkeit – dazu später mehr.
Weitere abgeformte Objekte sind:
Die „Töchter“ des Vater Rheins, die 1897 von den Bildhauer Karl Janssen und Josef Tüshaus erschaffen wurden, befinden sich in Düsseldorf vor dem Eingang zum K21 Kunstsammlung NRW. Im Düsseldorfer Malkastenpark ist seit 1898 die Brunnenskulptur „Düsselnixe“ von Gustav Rutz beheimatet. Weitere Abformungen stammen aus Lübeck und Bamberg. Alle Figuren sind weiblich.
Kleiner theoretischer Exkurs
In den feministischen Kommentaren zur Ausstellung ordnet die Künstlerin Rebekka Benzenberg die Darstellung von weiblichen Skulpturen in der Öffentlichkeit sowie ihre Beschädigungen etwas zu pauschal in die Geschichte der Frauenfeindlichkeit ein.
Sicherlich richtig ist:
Männliche Figuren sind in der Öffentlichkeit häufiger vertreten und werden fast immer in ihren Rollen als Politiker, Militärs, Kolonialfiguren oder Diktatoren dargestellt, wodurch auch auf konkrete historische Ereignisse Bezug genommen wird. Attacken auf diese Skulpturen sind meist politisch motiviert.
Dagegen werden Frauen häufig als Allegorien oder Mythen, als „Flora“, „Fortuna“, „Gerechtigkeit“ etc., und nicht als individuelle Persönlichkeiten in einem konkreten historischen Bezug dargestellt. Weibliche Skulpturen werden häufiger sexualisiert beschädigt oder objektifiziert (z. B. Bemalung bestimmter Körperteile, Beschädigung von Brüsten/Gesicht). Allerdings werden religiöse Darstellungen von weiblichen Heiligen selten Opfer von Vandalismus. Zahlreiche Marienstatuen werden direkt verehrt. Man denke etwa an die Pietà von Michelangelo oder die Goldene Madonna aus dem Essener Domschatz. Sie gilt als die älteste erhaltene vollplastische Marienfigur der Welt und ist ein herausragendes Zeugnis ottonischer Kunst sowie Symbolfigur der Stadt Essen.
In dem Fall der „Flora“ muss noch angemerkt werden, dass die erste Beschädigung wahrscheinlich nicht frauenfeindlich motiviert war, sondern durch Metalldiebe mit eher pekuniären Motiven erfolgte.
Zurück zur Ausstellung!
Vor diesem Hintergrund bekommt die Ausstellung von Rebekka Benzenberg noch eine weitere Bedeutungsebene. Die Fragmentierung der Figuren (das Fehlen von Körpergliedern), nimmt nicht nur Bezug auf Beschädigungen durch Vandalismus, sondern auch auf die, die den Frauen in der Kunstgeschichte insgesamt angetan wurden.
Der Titel der Ausstellung „They Longing For An Ancient Tragcedy“ („Sie, sehnend nach einer antiken Tragödie“) fasst die Intention der Künstlerin zusammen. Es ist der utopische Traum der Künstlerin, dass psychologisch komplexe Frauenfiguren (man denke etwa Iphigenie oder Medea), die als starke, leidende, gefährliche oder moralisch überlegene Persönlichkeiten in der Kunst der antiken Tragödie vorkommen, auch als skulpturale Frauenfiguren in der Öffentlichkeit zu finden sind.
Noch artikuliert sich dieser Traum erst leise, als Schemen, die aus dem Schattenreich sich nur sehr vorsichtig in das Licht von Nachttischlampen trauen. Dazu passt am Ende des Rundgangs durch die Ausstellung von Rebekka Benzenberg eine Installation mit dem Titel: „Peace will come and with it sleep“.
Wir begegnen einer in Plastik eingehüllten Frau auf einem zerwühlten Bett über einem Metallrahmen. Was hat diese Frau erlebt? Welche Empfindungen, Wünsche und Hoffnungen hat sie? Dieses Kunstwerk ist offen für viele Deutungen. Das Halbdunkel der Szene sowie die rahmenden Gegenstände und ein hilfreich hinter ihr stehender Frauentorso erzeugen eine Atmosphäre, in der sich die Besucher*innen in Ruhe auf den eigenen Deutungsweg machen können.
Aber nicht nur diese Ausstellung von Rebekka Benzenberg lohnt einen Besuch des Museums, auch auf den anderen Ebenen gibt es spannende Kunst zu entdecken. (Fotos dazu finden Sie in meinem Aufsatz über den 1. Teil der Sammlung Ziegler.)
Im 1. Obergeschoss befindet sich die aktuelle Ausstellung „Im Garten der Kunst. Marc, Macke, Heckel, Jawlensky – Die Sammlung Karl und Maria Ziegler (Teil 2)“. In der Ausstellung begegnen die expressionistischen Visionen der berühmten Künstler*innen der privaten Welt ihrer Sammler. Durch historische Möbel, Fotografien und eigens gestaltete Tapeten wird eine stimmige Kulisse geschaffen, die die Bilder in ihrem ursprünglichen, privaten Kontext lebendig werden lässt.
Im Erdgeschoss lockt die Ausstellung ,,SAMMLUNG+“. In ihr setzt sich das Kunstmuseum kritisch mit der eigenen Sammlung auseinander und beleuchtet diese in wechselnden thematischen Präsentationen. Anknüpfend an das Spielzeitthema ,,UTOPIE2 Liebe Glaube Hoffnung“ wird die 2025 begonnene Kooperation mit dem Theater an der Ruhr fortgesetzt. Auch schlägt die Ausstellung einen Bogen zur europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst Manifesta 16 Ruhr, die in diesem Jahr in säkularisierten Kirchen des Ruhrgebiets stattfindet. Ausgewählte künstlerische Positionen der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart aus der Städtischen Sammlung (Feininger, Macke, Chagall, Dali, Beuys) verknüpfen sich mit Assemblagen des Düsseldorfer Künstlers MATTHIAS LAHME {*1974).
Wir fassen zusammen: Ein Besuch des Kunstmuseums Mülheim lohnt sich.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. September 2026!
Mittwochs ist am Nachmittag (von 14 bis 18 Uhr) der Besuch des Museums kostenlos!
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