Die Anmut der Mechanik – Rebecca Horn im Skulpturenpark Waldfrieden

Porträt Rebecca Horn
Portrait Rebecca Horn, 2012 © Gunter Lepkowski, Atelier Rebecca Horn

Lothar Adam

Mit „Rebecca Horn. Emotion in Motion“ präsentiert der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal ab 14. März 2026 dreizehn Arbeiten von Rebecca Horn (1944–2024), die zwischen den 1980er- und 2010er-Jahren entstanden sind, darunter großformatige kinetische Skulpturen, die durch ihre Mechanik Klänge erzeugen.
Rebecca Horns Arbeiten sind weltweit ausgestellt worden. 1972 präsentierte sie bei der Documenta 5 erstmals ihre Körperextensionen. Bereits 1993 erhielt sie – als erste weibliche Künstlerin – im New Yorker Guggenheim Museum eine Retrospektive.
Es ist nicht leicht, ihre Arbeiten in einen kunsthistorischen Zusammenhang zu setzen, da ihre Werke (wie auch z.B. die von Beuys) zu verschiedenen Entwicklungen der Kunst Bezüge aufweisen und Elemente von Performance- und Körperkunst, Installationskunst, kinetischer Kunst, Neo-Surrealismus und feministischer Kunst mit Gefühl und Witz miteinander verbinden. Ihre Skulpturen hätten eine Seele, sagte Rebecca Horn, womit sie andeutet, dass ihren Werken eine Aura, vielleicht sogar ein Pathos anhaftet, was sich einem allerdings erst auf den zweiten Blick erschließt.

Sehen Sie sich zuerst meinen kleinen Einführungsfilm an! Im weiteren Verlauf des Kommentars wird auf die dort zu sehenden Arbeiten genauer eingegangen.

Warnung: Einigen der im Film zu sehenden Werken ist ein Überraschungseffekt zu eigen, der verloren gehen bzw. verkleinert werden könnte!

Anmerkungen zu einzelnen Installationen

Die Preußische Brautmaschine

1988 / 350 x 120 x 50 cm
12 Schuhe, blaue Farbe, Metallkonstruktion, Pinsel, Motoren, Elektronik

Rebecca Horn, Die Preußische Brautmaschine, 1988 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn Estate, Foto Michael Richter

Vielleicht hätte der Titel dieser Installation auch „Die preußische Brutmaschine“ lauten können. Denn darum geht es Rebecca Horn: Das kaiserliche Deutschland schuf durch den 1. Weltkrieg nicht nur männliche Opfer, die als Kriegsversehrte im Straßenbild sichtbar waren, sondern der Militarismus sah in jungen Frauen Zulieferantinnen von Menschenmaterial.
In diesem Zusammenhang könnte man das Spritzen der preußisch-blauen Farbe an die Wand und die dadurch entstehende Beschmutzung der sich drehenden Schuhe durch Farbkleckse als eine jeglicher Menschlichkeit hohnsprechende Befruchtungsaktion deuten. Die Schuhe drehen sich weiter, sie funktionieren wie in einem mechanischen Uhrwerk. Ihre Pyramidenform könnte ein Abbild des Gesellschaftsaufbaus mit dem Kaiser an der Spitze sein.
Und doch geht für mich neben dieser derben Gesellschaftskritik von der Installation ein untergründiger ästhetischer Reiz aus. Die Anordnung der Schuhe erinnert mich an eine Bildkomposition, die mit ihrer Dreiecksform in der älteren Malerei häufig für Mariendarstellungen verwendet wurde. Zu dieser Assoziation passen die blaue Farbe – auch wenn erst ab dem 18. Jahrhundert Preußischblau in der Malerei verwendet wurde (früher war Ultramarin üblich) – und die religiös aufgeladene Zahl 12, die wir bei der Anzahl der Schuhe finden. Neben diesen Bezüge zur Kunstgeschichte geht für mich vor allem von dem der Drehen der Schuhe der Reiz aus, im Zusammenhang mit der im Titel auftauchenden Braut an einen Tanz von Frauen anlässlich einer Hochzeit zu denken. Die besondere Qualität dieser Installation besteht darin, dass die offensichtliche Kritik am Missbrauch von Frauen durch die ästhetisch angedeutete Utopie einer heiteren Hochzeitsfeier verschärft wird.
Obwohl die Maschine bei jeder neuen Installation gereinigt wird, tragen die Samtschuhe die Flecken früherer Malaktionen. Die erste fand vor nunmehr fast 40 Jahren in Paris, in der Galerie de France statt.
Horns Werk ist eines von drei bekannten Werken mit Eintauch-und-Spritz-Mechanismus in ihrem Œuvre; das erste ist die Pollinating Brush Machine (1987) – ein einzelner „Bestäubungspinsel“, der schwarze Tinte aus einer Metallschale aufnimmt und diesen „Samen“ weithin aussät, welcher aber auf keinen Auffangbehälter trifft. In der aktuellen Version wird angedeutet, dass der „Samen“ zum Teil erfolgreich auf weiblichen Boden fällt.

Turm der Namenlosen

1994 / Maße variabel / Dimensions variable
Obstleitern, Geigen, Mechanik, Motoren, Elektronik

Rebecca Horn, Turm der Namenlosen, 1994 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn Estate, Foto Michael Richter

Was für ein merkwürdiger Aufbau! Verschachtelte Leitern, die sich gegenseitig stützen, aber nicht die Funktion haben, auf ein höher gelegenes Ziel zu führen. Absurderweise stützen sich die Leitern nur selber, kommen noch nicht einmal alle auf dem Boden an, sondern schaffen in unerreichbaren Höhen konfuse Verbindungen zu anderen Leitern. Und plötzlich hört man kratzig-quietschende Geigenlaute. Die mit Motoren versehenen Geigenbögen spielen ein kakofones Stück, das genauso unerwartet endet, wie es begonnen hat, um Sekunden später wieder zu beginnen.

Auf einer neben der Skulptur angebrachten Tafel gibt Rebecca Horn einen Hinweis.

TURM DER NAMENLOSEN
Die Eskalation des Krieges im zerstörten Jugoslawien
isolierte einen zweiten Winter lang
Sarajevo, eine Stadt im Koma.
Die Eingeschlossenen gaben die Hoffnung nicht auf,
diesen Krieg zu überleben.
Wien war bevölkert von Flüchtlingen,
verkrochen in Hauseingängen und U-Bahn Schächten.
Überall leise Musik.
Diese Menschen mußten sich artikulieren
nicht mehr in Sprache,
nicht mehr in einem Schrei,
ihre Musik durchzog ein tiefer Schmerz.
Sie sprachen nicht deutsch,
hatten keinen Paß, keine Identität,
sie waren auf der Flucht.
Im Dritten Reich war Wien schon einmal Transitstation gewesen.
Dieser Bewegung des Fliehens eine Ruhe entgegensetzen,
einen Ort in Wien markieren,
die Identität der Namenlosen schützen.
Ein Treppenhaus in der Nähe des Naschmarktes
wird zum Turm der Geigen.
Jeden Tag kommen diese Namenlosen,
die das Spiel der mechanischen Geigen
durch ihr Violinenspiel begleiten,
die vorgefundene Disharmonie
in neue Harmonien verwandeln.
Rebecca Horn, Wien 1994

Der Turm der Namenlosen wurde 1997 in der Hannoveraner Kestner Gesellschaft und seither in einigen Galerien gezeigt. Im Münchner Haus der Kunst 2024 ragte die Skulptur bis zu den Oberlichtern, besaß aber nicht nur zwei oder vier, sondern gleich sechs Berührungspunkte mit dem Boden. Der Turm der Namenlosen verändert sich also mit dem Raum, in dem er aufgestellt wird. Kurz nach der Installation im Haus der Kunst reiste der Turm der Namenlosen 2025 zur ersten Ausstellung der Künstlerin nach ihrem Tod ins Castello di Rivoli (Turin).
Wie schon bei der preußischen Brautmaschine hat auch diese Installation ästhetische Reize, die über das Gesellschaftskritische hinausgehen und dieses bereichern. Wieder sind es Bezüge zur Kunstgeschichte, die unaufdringlich affizieren könnten. Mich erinnert die Leiterkonstruktion einerseits an Himmelsleitern, die in vielen religiösen Bildern einen hoffnungsvollen spirituellen Übergang anbieten. Andererseits lässt die instabile Bauweise dieser Leiterkonstruktion Assoziationen an den Turnbaum von Babel zu, der bekanntlich die scheiternde Hybris von Menschen versinnbildlicht. Und dann fallen mir noch die vielen Bildern von Marc Chagall ein, in denen Leitern und Geigenspieler eine melancholische Stimmung voller jüdischer Mystik erzeugen. Die Kommunikation zwischen Installation und Betrachtenden verläuft nicht allein über die Ebene des Verstandes, sondern, wie Tony Cragg in seiner Einführung sagte, geht etwas zutiefst Berührendes von Rebecca Horns Installationen aus. Und es ist sicherlich im Sinne der Künstlerin, wenn Betrachtende gedankliche und emotionale Verknüpfungen zu aktuellen politischen Situationen herstellen.

Concert for Anarchy

1990/2006 
Offen: 172 x 61 x 150 cm
Geschlossen: 172 x 17 x 143 cm
Konzertflügel (Franz Wirth), Hydraulikkolben, Kompressor

Rebecca Horn, Concert for Anarchy, 2006 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Foto Michael Richter

Ich musste schmunzeln, als ich diesen an der Decke hängenden Konzertflügel zum ersten Mal sah. Gibt es ein Objekt, das mehr Respekt, mehr Autorität, mehr gepflegtes Bildungsbürgertum ausstrahlt als ein schwarzer Konzertflügel? Ich hatte den Eindruck, einem Streich zu begegnen, und gab in der Stille der Halle dem Gedanke an mögliche Täter*innen gerade noch freien Raum, als auf einmal mit merkwürdigen Geräuschen der Flügel zum Leben erwachte. Der Deckel des Flügels öffnete sich und die Tastatur brach hervor, stoppte und alles blieb in einem merkwürdigen Schwebezustand. Ein langer Nachhall durchwirkte die Halle. Was war das? Der Flügel schien zu leben. Etwas zwang sein Inneres nach Außen.
In dieser aufgebrochenen Stellung erinnerte mich der Flügel an das ikonisch gewordene Plattencover der Rolling Stones, auf dem zentral eine herausgestreckte Zunge zu sehen ist. Diese aggressive, fast bedrohliche Provokation durch eine anti-autoritäre pubertäre Geste ist auch Rebecca Horns Bearbeitung eines Konzertflügels zu eigen, der ja zu einem zu einem „Concert for Anarchy“ aufgehängt wurde. Und wieder gab es eine zweite Ebene, etwas, die sich mir erst erschloss, als das Vordergründige und Laute dieser dadaistischen Performance verklang. Denn unerwartet lange hallte ein Ton nach. Er bewirkte bei mir fast ein Trauergefühl über den nun auf einmal verletzt wirkenden Flügel, der aufgebrochen und hilflos von der Decke hing. Doch nach einigen Minuten wurde unter lautem Getöse die Tastatur eingezogen und alles war wieder wie zuvor. Keine Provokation, keine Trauer mehr: Hatte ich das alle nur geträumt?

Concert for Anarchy gibt es in drei Versionen: eine befindet sich in der Sammlung der Tate Modern in London, eine andere in Horns Moontower Foundation, eine dritte, die 2006 gebaut wurde, reist zu Ausstellungen. In Horns Werk erschien ein Konzertflügel zum ersten Mal im Film „Buster’s Bedroom“, der 1990 beim Filmfestival von Cannes Premiere feierte. „Buster’s Bedroom“, eine surrealistische Sittenkomödie, spielt in einem Sanatorium. Ein Maestro mit wilder Mähne unterwirft seinen Flügel allen möglichen Anpassungen, um die Kluft zwischen den Möglichkeiten des Instruments und seinem Ideal der Musik zu überwinden.
Horn selbst beschreibt den Weg des Flügels von einem Requisit zu einer Skulptur als Befreiung des Objekts aus der Zwangsjacke der psychiatrischen Anstalt.
Als Kunstwerk hat der Flügel viele Kontinente bereist, um seine verstörenden Kadenzen in unterschiedliche Umfelder einzufügen, die wiederum die Skulptur selbst in unterschiedliches Licht gerückt haben.
Das Besondere der Platzierung im Wuppertaler Waldfrieden ist, dass der Hintergrund nicht – wie meistens – die weiße Wand eines Gebäudes ist, sondern dass der Betrachter hinter dem Flügel durch die hohen Fenster in den Himmel blicken kann. Die Befreiung des Flügels von seinen Funktionen hat mit der Hängung im Waldfrieden eine weitere Stufe erreicht! Großartig!

Kuss des Rhinozeros

1989
Offen / open: 311 x 524 x 64 cm
Geschlossen / closed: 391 x 300 x 64 cm
Stahlkonstruktion, Aluminium, Motoren, Mechanik, Elektronik

Rebecca Horn, Kuss des Rhinozeros, 1989 © VG Bild-Kunst Bonn 2026, Foto Gunter Lepkowski

Von einem kleinen Sockel mit Motor gehen zu beiden Seiten zwei Arme, an deren Spitzen jeweils das Horn eines Nashorns montiert wurde, aus. Sobald der Bewegungsmelder der Skulptur ausgelöst wird, beginnen die beiden Arme, sich langsam zu schließen, und formen am Ende einen Ring. Ohne sich jemals tatsächlich zu berühren, „küssen“ sich die beiden Hörner und erzeugen sanfte Lichtblitze, bevor sie sich wieder voneinander zurückziehen.

Mein spontaner Gedanke: Zärtlichkeit in modernen Zeiten. Also schon 30 Jahre bevor Tamagotchis als elektronischer Ersatz für Haus- bzw. Kuscheltiere die Kinderzimmer bevölkerten, gab es den künstlerischen Versuch, mittels Technik einen Kuss und die langsame vorausgehende Annäherung zu simulieren. Dass gerade ein Rhinozeros als Bezugsobjekt gewählt wurde, macht die Sache noch spektakulärer, sind diese Tiere meines Erachtens nicht für besonders zärtliche Annäherungen bekannt. Nun wird ja mit dem Horn noch nicht einmal mehr die Nachbildung des ganzen Tieres geboten, sondern nur jener Körperteil, der zwar bei einer Detailansicht eines potentiellen Kusses ins Bild kommen würde, aber vermutlich eines der unsensibelsten Körperteile des Tieres ist.
Das Rätselhafte an dieser Installation ist, dass es Rebecca Horn mit ihrer perfekten Technik einer motorisierten synchronen Bewegung und dem Überspringen von elektrischer Ladung gelingt, etwas tief Emotionales anzudeuten. Die Visualisierung der Energieübertragung mittels elektrischen Stromes vermag etwas von der immer wieder beschworenen Zaubermacht eines Kusses zwischen zwei sich Liebenden sichtbar zu machen. Die sich schließende Kreisform eröffnet dabei ein weiteres Feld an Assoziationen.
Vielleicht war die Wahl des Demonstrations-Tieres auch motiviert durch den Bezug zum Namen der Künstlerin: Zu Rhinozeros sagt man ja auch Nashorn.
Kurator*innen und Kunsthistoriker*innen haben die Skulptur oft als ein weiteres Beispiel für Rebecca Horns libidinös aufgeladene Themen angesehen. Wenn die Skulptur sich in der offenen Stellung befinde, ähnele sie Brüsten und der Kuss der Hörner sei ein erotischer Dialog.

Soweit würde ich nicht gehen; und wenn unbedingt in eine erotische Richtung phantasiert werden soll, liegt der Bezug des Horns zu einem anderen erotischen Körperteil phallischer Natur meiner Meinung nach näher. Aber mir reicht die Entdeckung, dass von einer mechanische Bewegung eine Anmut ausgehen kann, die – wie schon bei der „Preußischen Brautmaschine“ gesagt – etwas Anrührendes hat und unkonventionelle Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik provoziert.

Hauchkörper

2017 / 600 x 300 x 362 cm
Stahlplattform, 12 Messingstangen, Elektronik, Motoren

Rebecca Horn, Hauchkörper, 2017 (c) VG Bild-Kunst Bonn 2026, Rebecca Horn Estate, Foto Michael Richter

Die Skulptur besteht aus zwölf vertikalen Messingstäben – an beiden Enden spitz zulaufend. Sie sind auf einem stählernen Podest angebracht und darauf programmiert, sich langsam in unterschiedlichen Richtungen zu drehen. Die so erzeugten Bewegungen erinnern in ihrer Gesamtheit an Grashalme im Wind.
„Hauchkörper“ entstand nach einem Schlaganfall, den die Künstlerin 2015 erlitt, und knüpft an eine sehr frühe Werkphase an, in der die Künstlerin, auch nach einer Krankheit beeinträchtigt, Extensionen (lange Stäbe) an ihren Körpergliedern vornahm, um mit diesen cyborgartig den Raum um sie herum zu erkunden.
Der besondere Reiz dieser Installation liegt sicherlich auch an dem Ort ihrer Aufstellung. Eine doppelte Rahmung entsteht in der Halle des Skulpturenparks: einerseits durch die geometrischen Fensterrahmen und andererseits durch die Bäume im Hintergrund. Der Eindruck könnte entstehen, dass die Metallstangen versuchen, durch die kleinen Drehbewegungen mit den Bäumen außerhalb der Halle zu kommunizieren. Sie verharren für kurze Zeit, warten auf eine Reaktion, um dann den Kontaktversuch wieder erneut aufzunehmen. Die Betrachtenden sollten den reizvollen Versuch unternehmen, diesen Hauch einer Kommunikation zwischen Maschine und Natur zu entschlüsseln.

In einem der schönsten Freiluftmuseum Deutschlands können Sie eine der orginellsten Künstlerinnen der Moderne kennenlernen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. August 2026!


Hier direkt zum Skulpturenpark Waldfrieden!

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