Jaume Plensa im MKM Duisburg: Die Poesie des Unsichtbaren
Lothar Adam
Das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg zeigt die bislang größte museale Einzelausstellung des spanischen Bildhauers Jaume Plensa (*1955) in einem deutschen Museum seit einem Jahrzehnt. Die Ausstellung „Invisible“ bringt rund 50 eindrucksvolle Frauenporträts ins MKM.
International bekannt wurde Jaume Plensa durch seine monumentalen Skulpturen im öffentlichen Raum, die seit mehr als zwei Jahrzehnten auf allen Kontinenten zu sehen sind. Zu seinen jüngsten Projekten zählt „Secret Garden“, das im Sommer 2025 anlässlich der Salzburger Festspiele auf dem Residenzplatz in Salzburg präsentiert wurde. In Deutschland realisierte er unter anderem „Gläserne Seele“ (2000) in Potsdam, „Body of Knowledge“ (2010) in Frankfurt am Main und die Großskulpturen „Laurelle“ (2024) in Bonn-Bad Godesberg
Jaume Plensa wurde 1955 in Barcelona geboren. Er studierte an der Llotja School of Art and Design sowie an der Sant Jordi School of Fine Arts. Seit seiner ersten Ausstellung 1980 in Barcelona lebte und arbeitete Plensa in verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, Belgien, England, Frankreich und die USA. Heute lebt und arbeitet er wieder in Barcelona.
Plensa war Professor an der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris und ist regelmäßig als Gastprofessor an der School of the Art Institute of Chicago tätig. Seine Werke werden international in Museen und Galerien ausgestellt, unter anderem im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid und im Nasher Sculpture Center in den USA. Zu seinen bekanntesten Arbeiten im öffentlichen Raum gehört die Installation Crown Fountain im Millennium Park in Chicago.
Plensa erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Velázquez Prize for the Arts (2013) sowie den Marsh Award for Excellence in Public Sculpture (2009). Neben seiner Arbeit als Bildhauer ist er auch im Bereich Grafik sowie im Theater- und Opern-bühnenbild tätig.
Erste Begegnung: Eine Skulptur verändert den Blick
Schon vom Parkplatz aus fällt der Blick auf einen riesigen weißen Kopf, dessen untere Hälfte hinter einer Mauer verschwindet. Direkt darunter kündigt das Ausstellungsplakat den Titel „Invisible“ an. Dieser wirkt zunächst fast provokant – schließlich soll eine Ausstellung Kunstwerke präsentieren und sich nicht dem Unsichtbaren widmen.
Doch schon wenige Schritte später erschließt sich eine erste Bedeutungsebene des Titels. Hinter der Mauer erscheint unmittelbar vor dem Museumseingang ein monumentaler, wunderschöner Mädchenkopf. Die Skulptur wirkt, als sei sie wie ein fremdes Wesen zwischen den Backsteinbauten der ehemaligen Mühle gelandet. Mit ihren feinen Gesichtszügen und den geschlossenen Augen strahlt sie eine Ruhe und Gelassenheit aus, die in starkem Kontrast zur Hektik des Alltags steht.
Das Mädchen „Flora“ (2021;Polyesterharz, 750 × 233 × 345 cm) , das wie ein Wächter vor dem Eingang des Museums steht, scheint ganz in sich versunken, vielleicht meditierend, jedenfalls vollkommen auf sein Inneres konzentriert zu sein. Hier deutet sich an, worauf der Ausstellungstitel verweist: Plensas Skulpturen verweisen auf etwas, was sich dem unmittelbaren Blick entzieht.
Allen Köpfen von Plensa gingen Fotografien realer Mädchen und Frauen aus verschiedenen Ländern voraus. Trotz der charakteristischen Streckung der Köpfe bleiben individuelle Gesichtszüge erhalten – er kennt zu jedem Kopf den Namen des Modells.
Die Einladung zur Stille
Im Eingangsbereich begegnet den Besuchenden eine schwebende Skulptur, die mit erhobenem Finger an den Lippen zum Schweigen auffordert. Durch ihre goldfarbene Oberfläche und die geschlossenen Augen wirkt sie wie ein Fund aus einer vergangenen (vielleicht afrikanischen) Kultur.
Die Geste ist weit mehr als eine Begrüßung. Sie fordert dazu auf, die kommenden Werke nicht vorschnell sprachlich in bekannte Kategorien einzuordnen, sondern zunächst ihre Präsenz auf sich wirken zu lassen. Stille ist nicht Leere, sondern Voraussetzung für eine bereichernde Wahrnehmung.
Frauenporträts zwischen Wirklichkeit und Transzendenz
Die Köpfe im Raum 6 entfalten durch ihre Anordnung eine fast kultische Wirkung, die an prähistorische Steinkreise anknüpft. Besonders die übereinandergelegten Hände erinnern an Gesten der Sammlung oder des Gebets. Sie bleiben jedoch bewusst offen und symbolisch. Es geht nicht um eine konkrete religiöse Praxis, sondern um eine innere Haltung. Ausgangspunkte sind – wie gesagt – reale Menschen. Doch durch ihre monumentale Größe, die gestreckten „gotischen“ Proportionen, die verwendeten Materialien und ihre meditativen Gesten überschreiten die Skulpturen das Individuelle und verweisen auf etwas Allgemeingültiges. Begriffe wie Transzendenz, Humanität oder Spiritualität drängen sich auf, ohne dass Plensa eine bestimmte religiöse Lesart vorgibt.
Interessant sind auch die Irritationen, die beim Umrunden der Köpfe häufig entstehen. Vorder- und Rückseite der Skulpturen ermöglichen eine unmittelbare Identifikation des Gesehenen als Ansicht eines Kopfes, wo hingegen die Seitenansichten diese Eindeutigkeit zurücknehmen und eine merkwürdig diffuse Gestalt anbieten. Angeregt wird durch dieses Wechselspiel ein Misstrauen, ein Zweifel (Was ist hier eigentlich zu sehen?), der im weiteren Verlauf zu einer Schärfung der Wahrnehmung und des Erkennens führen kann und ganz bewusst von Plensa eingesetzt wird.
Der Körper als Sprache
Ein zentrales Motiv der Ausstellung sind große, zum Teil begehbare Skulpturen aus Noten oder aus Buchstaben verschiedenster Alphabete.
Es ist unmittelbar einleuchtend, dass zum Wesen des Menschen seine Sprache gehört. Sie ist – wenn man so will – seine Wurzel (s. Bild und Titel).
Sprache erscheint bei Plensa auch als Hülle einer menschlichen Form. Gleichzeitig – und das ist für sein Menschenbild entscheidend – laden die offenen Konstruktionen dazu ein, buchstäblich durch Sprache hindurchzusehen.
Im Unterschied etwa zu dem berühmten französischen Philosophen Michel Foucault, der den Körper als Ort gesellschaftlicher Einschreibungen von Machtverhältnissen versteht, entwickelt Plensa eine poetische Vorstellung des Menschen. Sein Körper besteht aus Schriftzeichen, die auch Kommunikation, Erinnerung und kulturelle Vielfalt verkörpern. Die offenen Zwischenräume stehen für Mehrdeutigkeit und Offenheit im Denken. Der Mensch erscheint als Geflecht unterschiedlicher Kulturen, deren Gemeinsamkeit tiefer reicht als ihre Unterschiede. Die gelassene Sitzposition erinnert an Abbildungen von Buddha., der ja bekanntlich einen meditativen Zugang zur Welt favorisiert. Der sich zur Seite drehende Kopf wäre in diesem Zusammenhang als Abwendung vom Alltag zu deuten.
Musik als universelle Sprache
Eine besondere Rolle spielt in Plensas Werk die Musik. Sein Vater war Pianist, und der Künstler erzählt, dass er sich als Kind häufig im Resonanzkörper des Klaviers versteckte.
Diese biografische Erinnerung verweist auf einen anderen Grundgedanken seines Werks: Musik ist eine Sprache, die kulturelle Grenzen überwindet. Wie seine Skulpturen verbindet sie Menschen, ohne Worte zu benötigen. Harmonie, Schönheit und Poesie werden so zu Möglichkeiten menschlicher Verständigung.
Die Ästhetik der Leere
Besonders faszinierend sind die von mir so genannten „Leerskulpturen“. Ausgangspunkt ist wiederum ein konkretes Porträt, das digital in eine transparente Netzstruktur überführt wird. Übrig bleibt lediglich die äußere Form.
Diese scheinbar körperlosen Köpfe wirken durch ihre Zartheit und ihr Schweben – die nach unten strebenden „Wurzeln“ erreichen nicht den Boden – wie Geistererscheinungen. Diese Skulpturen, obwohl aus Stahl hergestellt, besitzen fast keine materielle Fülle mehr und entfalten gerade dadurch eine außergewöhnliche Präsenz. Das im Titel angekündigte „Invisible“ erhält hier vielleicht seine eindrucksvollste Gestalt.
Kunst und Menschenrechte
Dass Plensas Humanismus auch eine politische Dimension besitzt, zeigen Werke, in die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte eingraviert ist. Diese formulieren keine konkrete politische Botschaft, sondern erinnern daran, dass Würde und Freiheit universelle Werte sind. Auch hierin zeigt sich Plensas beharrlicher Glaube an das Verbindende.
Ein Rundgang bis zum Schluss
Besonders sehenswert ist der „Siloraum“ des Museums, der die beiden Gebäudeteile verbindet. Dort begegnet man der „Invisible Anna“, einer monumentalen Leerskulptur, deren filigrane Struktur den Raum beinahe magisch verändert. Achten Sie dabei auch auf das faszinierende Schattenspiel! Netzwerke sind sichtbar, die die Gedanken der Besuchenden zu fangen versuchen. Das Museum konnte diese Installation erwerben; sie wird auf Dauer zu sehen sein. Glückwunsch!
Vor dem Verlassen der Ausstellung lohnt ein Blick auf die großformatigen Kohlezeichnungen, die Plensa während des Ausstellungsaufbaus direkt auf die Wände gezeichnet hat. Es sind leicht verzerrte Ausschnitte weiblicher Gesichter – Ansichten, die entstehen könnten, wenn zwei Menschen Wange an Wange beieinanderliegen. Diese intime Perspektive vermittelt jene menschliche Nähe und Zärtlichkeit, die Plensas gesamtes Werk prägt.
Darüber hinaus zeigt die Ausstellung weitere Werkgruppen, überraschende Zeichnung bzw. Collagen, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden kann sowie einen Raum mit großformatigen Fototapeten seines Ateliers. In der intimen Atmosphäre dieses Ausstellungsraums wird ein Film gezeigt, der die Arbeitsweise von Plensa zeigt und verdeutlicht, dass mit dem Künstler ein internationales Netzwerk aus Handwerkern, Ingenieuren, Computerspezialisten und Werkstätten zusammenarbeitet.
Fazit
Mit seinen Skulpturen entwirft Jaume Plensa keine Utopie im politischen Sinn. Vielmehr erinnert er an jene Fähigkeiten, die jedem Menschen innewohnen: Empathie, Stille, Offenheit und die Bereitschaft zur Begegnung. Seine Kunst richtet den Blick auf das Unsichtbare – auf das, was Menschen jenseits von Sprache, Herkunft und Kultur miteinander verbindet.
Die Duisburger Ausstellung ist nicht nur die bislang größte Präsentation des Künstlers in einem deutschen Museum seit einem Jahrzehnt, sondern auch eine der eindrucksvollsten Skulpturenausstellungen der letzten Jahre. Wer sich auf Plensas stille Bildwelt einlässt, wird das Museum mit einem geschärften Blick auf den Menschen verlassen.
Die Ausstellung läuft noch bis zum
1. November 2026!
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