Gustave Courbet – Wegbereiter der Moderne
Lothar Adam
Die große Retrospektive im Museum Folkwang zeigt Gustave Courbet (1819–1877) als einen Künstler, der die Malerei des 19. Jahrhunderts grundlegend veränderte. Mit seinen Motiven ebenso wie mit seiner Malweise stellte er sich gegen die Vorgaben des akademischen Klassizismus. Statt antiker Helden und mythologischer Erzählungen rückten Arbeiter, Bauern, Landschaften und alltägliche Szenen ins Zentrum seiner Kunst.
Die Ausstellung begleitet seinen künstlerischen Werdegang anhand zentraler Themen: Selbstinszenierung und Öffentlichkeit, soziale Realität, Landschaft, Erotik und Exil. Wer Courbet jedoch wirklich verstehen möchte, sollte seinen Blick zugleich zurück und nach vorne richten – zurück auf Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 -1867) und nach vorne auf Paul Cézanne (1839 . 1906). Erst zwischen diesen beiden Polen wird sichtbar, weshalb Courbet als Wegbereiter der Moderne gelten kann.
Der Bruch mit dem klassischen Schönheitsideal
Ein besonders aufschlussreicher Vergleich ergibt sich zwischen Ingres‘ berühmtem Gemälde „Jupiter und Thetis“ und Courbets Akt „Femme nue au chien“.
Ingres stellt in einem riesigen Gemälde eine Episode aus Homers Ilias dar: Thetis bittet Jupiter, ihrem Sohn Achilles im Trojanischen Krieg beizustehen. Schon der Körper der Göttin macht deutlich, dass es dem Maler nicht um Naturtreue geht. Rücken, Hals und Arme erscheinen ungewöhnlich lang und geschmeidig. Der weibliche Körper wird bewusst idealisiert und einer überirdischen Schönheit angenähert.
Auch Kleidung, Gestik und Mimik folgen der klassizistischen Bildtradition. Alles richtet sich auf Jupiter aus und unterstreicht die demütige Haltung der Bittstellerin. Technisch ist das Gemälde typisch für den Klassizismus: glatte Oberflächen, kaum sichtbare Pinselspuren und scharf gezogene Konturen lassen die Malerei nahezu immateriell erscheinen.
Ganz anders Courbet.
Sein Frauenakt in dem deutlich kleineren Gemälde benötigt keinen mythologischen oder historischen Vorwand mehr. Das Interesse des Modells gilt einem Hund. Schon in dem Selbstporträt von 1842 (s. oben) taucht ein Hund auf. Dort ersetzt der Hund gleichsam das akademische Attribut. Er ist kein Symbol der Gelehrsamkeit, sondern der unmittelbaren Wirklichkeit. Bei dem Frauenakt betont der Hund das Alltägliche an einem Seeufer – wobei die kunstvolle Darstellung eines Schoßhündchens, das als Accessoire gut in einen Pariser Salon passen würde, auch einen ironischen Aspekt hat.
Zwar wirkt die Inszenierung durch den Vorhang und die etwas künstliche Beleuchtung stellenweise wie eine Bühne, insgesamt entsteht jedoch der Eindruck eines flüchtigen Augenblicks des wirklichen Lebens.
Als das Werk 1872 im Wiener Künstlerhaus präsentiert wurde, kritisierte die Presse das Bild scharf, v. a., dass die schöne Wellenlinie von Kinn, Hals und Busen gewaltsam in ein eckiges Zickzack verzerrt wurde.
Auch die Malweise markiert einen radikalen Gegensatz zu der von Ingres. Kräftige sichtbare Pinselstriche, pastoser Farbauftrag und eine fast greifbare Materialität bestimmen das Bild. Während Ingres den Körper durch klare Umrisslinien definiert, modelliert ihn bei Courbet vor allem das Licht.
Zusammengefasst: Ingres verbessert die Natur zugunsten eines klassischen Schönheitsideals. Courbet hingegen beobachtet sie möglichst ungeschönt – bis hin zu den schmutzigen Fußsohlen seines Modells. Darin zeigt sich der Anspruch des Realismus: Die Wirklichkeit soll nicht verschönert, sondern ernst genommen werden.
Allerdings eröffnet dieser Realismus zugleich neue Fragen. Die vom Bild inszenierte Betrachtungsposition macht deutlich, dass Courbets Akt – wie viele seiner Frauenbilder – einem männlich-voyeuristischen Blick folgt. Gerade weil der Maler den Anspruch erhebt, Wirklichkeit zu zeigen, wird dieses Verhältnis zwischen Künstler, Modell und Betrachter überhaupt erst kritisch hinterfragbar.in dem
Vom Gott zum selbstbewussten Künstler
Noch deutlicher wird Courbets Ästhetik im Vergleich männlicher Figuren.
Ingres zeigt Jupiter als zeitlosen Herrscher. Das streng frontale Gesicht, der lange Bart und der ruhige Blick verleihen ihm monumentale Autorität. Nichts wirkt individuell; alles ist auf ideale Vollkommenheit ausgerichtet. Präzise Konturen und die glatte Malweise verstärken den Eindruck übermenschlicher Würde.
Demgegenüber steht Courbets „L’Homme à la pipe“: Hier begegnet uns kein Gott, sondern ein gewöhnlicher Mann mit einer Pfeife lässig im Mundwinkel. Licht, Schatten und sichtbare Pinselstriche verleihen Haut, Bart und Haaren körperliche Präsenz. Das Gesicht besitzt Individualität statt Idealität. Der leicht verträumte Blick wirkt zugleich selbstbewusst und etwas herausfordernd.
Nach dem Mittagessen in Ornans
Mit solchen Bildern über das Alltagsleben in seiner Heimatstadt Ornans erweitert Courbet den Horizont der französischen Malerei. Arbeiter, Bauern, Spinnerinnen oder einfache Bürger erscheinen nun in monumentalem Format – eine Bildwürdigkeit, die zuvor den Helden der Geschichte vorbehalten war.
Courbet beschreibt die Szene wie folgt: „Es war im Monat November, wir waren bei unserem Freund Cuénot; Marlet kam von der Jagd zurück, und wir hatten Promayet gebeten, vor meinem Vater Violine zu spielen.“ (Der Vater sitzt links, an der hinteren Wand gelehnt der Gastgeber Cuénot).Das Bild, das in seiner Lichtführung an Caravaggio erinnert, wurde 1849 im Pariser Salon ausgestellt und erhielt eine Goldmedaille.
Die eigentliche Revolution liegt in der Malerei selbst
So wichtig die neuen Bildthemen sind, liegt Courbets größte Bedeutung vielleicht auf einer anderen Ebene.
Seine antiakademische Malweise öffnet der Malerei den Weg in die Moderne. Dicke Farbschichten werden mit Spachtel, Palettenmesser, Bürsten oder Stofflappen aufgetragen. Farbe wird nicht länger bloß Mittel zur naturgetreuen Darstellung, sondern gewinnt Eigenwert als Material.
Gerade darin liegt heute allerdings ein Paradox der Ausstellung.
Vieles, was im Paris des 19. Jahrhunderts Empörung hervorrief und vom offiziellen Salon abgelehnt wurde, erscheint dem heutigen Publikum erstaunlich vertraut. Selbst Courbets exzentrische Selbstbildnisse – etwa vor einem Abgrund oder in einem ungewöhnlich großen Format– wirken kaum noch provokant. Einerseits ist für Kunstinteressierte erkennbar, dass Courbet als häufiger Besucher des Louvre z. B. Anleihen bei Rembrandts tronies – d.h. den Studien zu Gesichtsausdrücken und Kostümen – gemacht hat, andererseits erstaunt uns nach den zahllosen Selfies unserer Gegenwart die intensive Selbstinszenierung des Künstlers in verschiedene Rollen und Szenen (es gibt etwa 50 Selbstdarstellungen) weit weniger als seine Zeitgenossen.
Nicht jedes Werk überzeugt gleichermaßen. Manche Jagdszenen des passionierten Jägers hätten die Kuratoren meines Erachtens zugunsten anderer Arbeiten weglassen können – zumal etwa der „Deutsche Jäger“ anatomische fragwürdig dargestellt ist.
Die Landschaft als Erfahrung
Besonders eindrucksvoll sind Courbets Meeresbilder.
Courbet rückt den Betrachter unmittelbar an die tosenden Wellen heran, sodass man der Gewalt des Meeres nahezu schutzlos ausgesetzt ist. Dabei verleiht seine Malweise dem gischtbedeckten Meer und dem schweren Himmel eine dramatische Intensität. Die Wellen scheinen wie in Stein gemeißelt.
Vielleicht zeigt sich hier bereits der Einfluss der jungen Fotografie mit ihren überraschenden Bildausschnitten und ungewohnten Perspektiven. Auch manche Aktdarstellungen Courbets profitieren von dieser neuen, unmittelbaren Sichtweise.
Der Ursprung der Welt
Ein am Rande des Ausstellungsrundgangs gelegener Raum zeigt die erotischen Werke von Courbet. Ihn können Besucher*innen mit Kindern problemlos umgehen. In einem Seitenkabinett werden pornografischen Fotografien aus der Zeit Courbets gezeigt, welche Bezüge zu seinem berühmtesten Skandalbild „Der Ursprung der Welt“ eröffnen.
Courbet und Cézanne – vom Realismus zur Moderne
Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört die Gegenüberstellung von Courbets „Der Roche Pourrie, geologische Studien“ von 1864 und Cézannes „Steinbruch von Bibémus“ rund 30 Jahre später aus der Sammlung des Museum Folkwang.
Auf den ersten Blick behandeln beide Bilder dasselbe Motiv: Felsen und Gestein. Tatsächlich markieren sie zwei grundverschiedene Auffassungen von Malerei.
Courbet schuf sein Gemälde im Auftrag des Geologen Jules Marcou. Der Fels sollte möglichst genau beobachtet und in seiner materiellen Beschaffenheit wiedergegeben werden. Seine pastose Malweise eignet sich hervorragend dazu, die raue Textur des Gesteins beinahe greifbar zu machen. Kleine Gebäude dienen lediglich dazu, die monumentale Größe der Felswand zu verdeutlichen. (Kleine Suchaufgabe: Entdecken Sie die kleine schwarze Silhouette des Forschers unten rechts zwischen zwei hellen Felsblöcken!)
Für Cézanne dagegen wird der Steinbruch zu einem Experimentierfeld der Malerei.
Die Felsblöcke verwandeln sich in Farbflächen und geometrische Körper. Nicht mehr die geologische Genauigkeit steht im Mittelpunkt, sondern Fragen nach dem Aufbau des Bildraums. Wie entsteht Tiefe allein durch Farbe? Lassen sich Naturformen auf Zylinder, Kugel und Kegel zurückführen?
Gerade diese Steinbruchbilder gelten heute als entscheidende Station auf Cézannes Weg zum Kubismus.
Cézanne bewunderte Courbet wegen der Kraft seines Farbauftrags und der materiellen Präsenz seiner Malerei. Ganz unkritisch sah er ihn allerdings nicht. Nach Ambroise Vollard bemerkte er über Courbet:
„Il est un peu lourd comme expression.“ („Er ist im Ausdruck etwas schwer.“)
Vielleicht dachte Cézanne dabei an die größere Leichtigkeit v. a. seiner eigenen Landschaftsaquarelle rund um die Montagne Sainte-Victoire.
Farbe als Materie
Der letzte Ausstellungsraum fasst Courbets Bedeutung auf ungewöhnliche Weise zusammen.
Hier dürfen Besucher die reliefartige Oberfläche einer nachgebildeten Courbet-Malerei mit den Händen ertasten. Die Haptik macht unmittelbar erfahrbar, worin seine vielleicht wichtigste Leistung liegt: Farbe erscheint nicht mehr nur als Mittel zur Darstellung, sondern als eigenständige materielle Wirklichkeit.
Fazit
Sein Realismus beschränkt sich nicht auf neue Motive. Entscheidend ist die Befreiung der Malerei selbst. Indem Courbet Farbe als Stofflichkeit sichtbar macht und den akademischen Schönheitsbegriff infrage stellt, bereitet er Entwicklungen vor, die von Cézanne über den Kubismus bis in die Kunst des 20. Jahrhunderts reichen.
Die Ausstellung vermittelt diesen Zusammenhang durch kluge Gegenüberstellungen, ausführliche Wandtexte und einen informativen Audioguide („Courbetorial“). Wer Courbet nur als Maler realistischer Bauern oder provokanter Akte kennt, wird hier entdecken, dass seine eigentliche Revolution auf der Leinwand selbst stattfand.
Die Ausstellung läuft noch bis zum
8. November 2026!
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Schönen guten Abend!
Sehr schöne Einführung in die Welt des Gustave Courbet. Ich habe ihn schon mal in Frankfurter Städel gesehen und möchte auch die Ausstellungsräume gerne vergleichen. Die Idee, die Malweise im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu machen, finde ich sehr gut. Überhaupt gefällt mir das Folkwang Museum.
Aber: Beginnen werde ich mit Jaume Plensa, zumal ich als Duisburgerin am Donnerstag kostenlos in die Ausstellung gehen kann.
Jedesmal sind ihre Ausstellungs-Kommentare hilfreich und führen in die Ausstellungen bis ins Detail ein.
Vielen Dank und liebe Grüße
Doris Michel