Franz Marc – Die Suche nach einer besseren Welt
K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
12. September 2026 – 24. Januar 2027
Lothar Adam
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert mit Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt die erste umfassende Ausstellung des Expressionisten und Mitbegründers des „Blauen Reiter“ in einem deutschen Museum seit mehr als 20 Jahren. Über 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier konnten dafür zusammengeführt werden. Die Ausstellung verfolgt Marcs nur wenige Jahre währende, aber außerordentlich produktive Entwicklung – von den frühen Arbeiten bis zu den späten, zunehmend abstrakten Kompositionen.
Franz Marc – große Kunst oder Kitsch?
Über kaum einen Künstler dürfte das kunstinteressierte Publikum so uneins sein wie über Franz Marc.
Sind seine Bilder heute noch als große Kunst wahrnehmbar oder hat ihre massenhafte Verbreitung auf Postkarten, in Schulbüchern und auf Kalendern dazu geführt, dass sie ihre Aura – um Walter Benjamin zu bemühen – verloren haben und heute nur noch als leicht konsumierbares Dekor wahrgenommen werden?
Jedes Museum, das eine Marc-Ausstellung organisiert, steht deshalb vor der Aufgabe, die vereinfachende Vorstellung vom Künstler als Schöpfer harmloser, bunter Tierbilder zu durchbrechen und das Individuelle und Innovative seiner Kunst sichtbar zu machen.
Und, um es vorwegzunehmen: Genau das gelingt der aktuellen Ausstellung in der Kunstsammlung NRW.
Die berühmten Tierbilder – eine heile Welt?
Folgen wir zunächst der chronologischen Ordnung der Ausstellung. Nach den frühen Arbeiten begegnen uns die Tierbilder, die Franz Marc berühmt gemacht haben.
Wie aber sind diese Bilder angemessen zu betrachten?
Natürlich ist es legitim, sich an ihrer Farbenpracht zu erfreuen. Und auch der Wunsch nach Eskapismus, dem diese Tierbilder auf den ersten Blick entgegenzukommen scheinen, mag in der heutigen Zeit verständlich sein. Dennoch erschien mir die Darstellung einer harmonischen Welt aus reinen Farben, glücklichen Tieren und unberührter Natur beim ersten Blick etwas naiv.
Aber eben nur auf den ersten Blick!
Schauen wir genauer hin – zum Beispiel auf eines der Hauptwerke der Ausstellung und von Marcs Schaffen überhaupt: das „Blaue Pferd II“ von 1911.
Marc knüpft mit dem „Blauen Pferd II“ motivisch an die Romantik an: die Rückansicht, die Ruhe des stehenden Pferdes, die Verschmelzung von Landschaft und Himmel und der vermeintliche Blick in eine undefinierbare Ferne erinnern an die Bildwelt Caspar David Friedrichs.
Überhaupt scheint die Romantik kein schlechter Bezugspunkt für das Verständnis von Marcs Bilderwelt zu sein.
Er interessiert sich in erster Linie nicht für das äußere Erscheinungsbild eines Tieres. Ihn interessiert vielmehr das, was sich ihm im Tier als eine andere Form des Weltverhältnisses offenbart. In seinen Schriften und Briefen formuliert er wiederholt die Vorstellung, die Welt gewissermaßen aus dem Blick des Tieres heraus zu erfassen. Ziel ist eine „Animalisierung“ des Kunstempfindens: Nicht der äußerlich erkennbare Pferdetyp soll im Vordergrund stehen, sondern das innere, lebendige Wesen des Tieres.
Dahinter steht die Hoffnung, durch das Tier einen Zugang zu einer unverstellten Natur zu finden, in der ein ursprünglich Geistiges noch spürbar ist.
Die Sprache der Farbe
Um diese Vorstellung im Bild erfahrbar zu machen, lädt Marc die Farben mit symbolischen Bedeutungen auf.
In einem Brief an August Macke formuliert er seine berühmte Farbsymbolik: Blau steht für das männliche, geistige und herbe Prinzip; Gelb für das weibliche, sanfte und heitere; Rot für die schwere, materielle und brutale Seite der Welt.
Diese Zuordnungen sind allerdings nicht als starres Farbsystem zu verstehen. Vielmehr wird Farbe bei Marc zunehmend zu einem eigenständigen Ausdrucksmittel. Um 1910/11 löst er sich immer stärker von der naturalistischen Lokalfarbe und beginnt, Farben bewusst zu komponieren und ihre Wirkung gegeneinander auszuspielen.
Doch warum malt Marc ausgerechnet so häufig Pferde?
Franz Marc lernt während seines Militärdienstes zu reiten und ist mit der Anatomie und Bewegung des Pferdes vertraut. Seine spätere Beschäftigung mit Pferden geht weit über die akademische Tierstudie hinaus. In Lenggries und später in Sindelsdorf beobachtet er Pferde über lange Zeit in freier Natur. Das Pferd bietet ihm für seine künstlerischen Absichten eine besonders geeignete Form. Sein Körper ist klar, geschlossen und rhythmisch aufgebaut: Rücken, Hals, Kopf und Beine bilden starke Linien und Kurven. Dadurch kann Marc den Körper immer stärker vereinfachen und geometrisieren, ohne dass wir aufhören, das dargestellte Tier als Pferd zu erkennen.
Franz Marc und Caspar David Friedrich
Besonders aufschlussreich wird der Vergleich mit Caspar David Friedrich.
Friedrich stellt einen Menschen dar, der meditierend in die Ferne blickt und die Geheimnisse der Welt zu erfassen sucht. Er befindet sich dabei in einer konkreten Landschaft, an einem bestimmten Ort, den man sich zumindest theoretisch vorstellen und wiederfinden könnte.
Bei Marc ist der Mensch durch ein Tier ersetzt. Die Frage, auf welcher Wiese sich das Pferd befindet, ist dagegen sinnlos.
Damit zeigt sich ein doppelter Bruch mit den romantischen Vorläufern: Marc ist skeptisch gegenüber dem Menschen als Wahrnehmendem einer ursprünglichen Ordnung. Gleichzeitig lehnt er eine Malweise ab, die vorgibt, die Realität möglichst genau wiederzugeben.
An die Stelle des Menschen tritt das Tier, an die Stelle der realistischen Landschaft eine expressionistische Bildsprache, in der die genaue Abbildhaftigkeit zweitrangig ist.
Die Darstellung von Tieren, die noch in einer selbstverständlicheren Einheit mit der Natur leben, lässt die Utopie einer anderen, noch nicht entfremdeten Welt vorscheinen – so Marcs Intention.
Das bedeutet aber auch: Das Utopische ist nicht mehr in der Realität zu finden, sondern „nur noch“ im Bild.
Damit bekommen Marcs Tierdarstellungen eine erstaunliche Komplexität. Sie sind eben keine bloßen Fluchtbilder in eine heile Natur. Gerade der Verweis auf die Malerei als eigenständige Erkenntnisquelle macht sie schwieriger und anspruchsvoller, als es ihre Popularität zunächst vermuten lässt.
Und trotzdem – um ehrlich zu sein: So richtig sprechen mich Marcs Tierbilder nicht an.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schon in der Realität eine gewisse Distanz zu Pferden, Füchsen und Hunden nicht ganz überbrücken kann.
Interessanter wird die Ausstellung für mich in ihrer zweiten Hälfte.
Eine Welt gerät aus den Fugen
Überraschendes bietet die zweite Hälfte der Ausstellung.
Offensichtlich empfand Marc die gesellschaftlichen Umbrüche vor dem Ersten Weltkrieg als so gravierend, dass sich auch seine Bildwelt zunehmend veränderte.
In einigen Bildern durchbricht Marc die paradiesische Idylle seiner früheren Tierbilder, indem er zunehmend Bezüge zu einer konkreten, aber zugleich fremd und bedrohlich wirkenden Welt einbaut. Ein Beispiel aus dem Jahr 1913: Marc malt – nach einer Reise durch Tirol– z. B. ein Dorf, in dem Pferde als dunkle abgemagerte Silhouetten auftauchen.
„Das lange gelbe Pferd“ – keine Idylle mehr
Auch die Bilder, in deren Zentrum weiterhin das Pferd steht, sind inzwischen weit von den früheren paradiesischen Visionen entfernt.
Das „Lange gelbe Pferd“ von 1913 wirkt extrem in die Länge gezogen, dünn und angespannt. Es erscheint eher erschöpft als vital.
Isoliert steht es in einer Umgebung, die von einem Haus – vielleicht einem Stall – hinter einer Terrasse und einer Treppe bestimmt wird. Kein Mensch ist zu sehen.
Auch der Regenbogen hat seine Leuchtkraft verloren. Die Farbigkeit des gesamten Bildes wirkt mit ihren schmutzigen Rottönen und den giftig wirkenden Gelbtönen unharmonisch.
Die frühere Harmonie zwischen Mensch, Tier und Natur scheint zerstört. Nur noch einzelne Farben der Landschaft erinnern an sie.
Gerade hier wird deutlich, wie weit sich Marc von seiner Vorstellung einer idyllischen Gegenwelt entfernt hat.
Vom Tierbild zur Abstraktion
Allerdings geht Marc diesen Weg der direkten Einbeziehung von Realitätsbezügen nicht weiter.
Er ist vor allem Maler – und er will seine eigene Sprache der Malerei weiterentwickeln.
So entlässt uns die Ausstellung schließlich mit Bildern, in denen sich Marc weiter der Abstraktion nähert. Dabei werden die Formen zunehmend aufgelöst und die Farbe wird immer stärker zum eigenständigen bildnerischen Mittel.
Man kann sich deshalb gut vorstellen, dass Marc diesen Weg bis zur reinen Abstraktion weiterverfolgt hätte, wäre sein Leben nicht 1916 bei Verdun so früh beendet worden.
Und diese zweite Hälfte der Ausstellung begeistert mich wirklich.
Franz Marc neu entdecken
Zusammengefasst eröffnet die Ausstellung die ausgesprochen lohnende Möglichkeit, das facettenreiche Werk von Franz Marc neu zu sehen.
Sie zeigt einen Künstler, der weit mehr war als der Maler der berühmten bunten Pferde, Füchse und Rehe. Gerade seine Entwicklung von den scheinbar idyllischen Tierbildern über die zunehmend gebrochene Bildwelt der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bis hin zu den abstrakten Kompositionen macht die innere Dynamik seines kurzen Schaffens deutlich.
Vielleicht ist dies auch die wichtigste Leistung dieser Ausstellung: Sie begegnet der Gefahr, dass ein außergewöhnlicher Begründer der Moderne durch seine massenhafte Vermarktung in der Ecke des Seichten und Dekorativen versinkt.
Wer Franz Marc bisher vor allem von Postkarten und Kalendern kennt, sollte deshalb die Gelegenheit nutzen, seine Bilder im Original und im Zusammenhang seines gesamten Schaffens neu zu betrachten.
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