Is the Museum a Battlefield? 2013 

Guten Abend meine Damen und Herren und vielen Dank, dass Sie heute Abend hier sind. Der Titel dieses Vortrags ist: „Ist das Museum ein Schlachtfeld?“ Die meisten von Ihnen werden sagen: „Natürlich nicht!“, im Gegenteil, es ist ein Elfenbeinturm, es ist ein elitärer Tempel der Kontemplation, ein Spielplatz der oberen Zehntausend. Wie also könnte so ein abgeschiedener und isolierter Ort Kontakt mit der sozialen Wirklichkeit haben? Das ist völlig unmöglich. Wie könnte so ein Ort der Schauplatz einer Schlacht sein? Und was für eine Art Schlacht könnte das sein?

Andererseits waren Museen im Verlauf der Geschichte immer wieder Schlachtfelder. Sie waren Folterkammern, sie waren Schauplätze für Kriegsverbrechen, Bürgerkriege und auch Revolutionen. Nehmen Sie zum Beispiel die berühmte Szene aus Sergei Eisensteins bahnbrechendem Film „Oktober“ über die bolschewistische Revolution von 1917, in der man sieht, wie die Bolschewiken den Winterpalast in St. Petersburg stürmen. Aber wenn man den Film genauer anschaut, erkennt man, dass es eigentlich ein Museum ist, nämlich die weltberühmte Eremitage und es stellt sich heraus, dass die Flure, die von den Bolschewiken überrannt werden, in Wahrheit die ägyptische und assyrische Sammlung des Museums sind. Die Schlacht im Museum ist also, zumindest in diesem Film bzw. in den historischen Ereignissen, keine Fußnote, kein Postskript, es ist kein Vorspiel der Revolution. Wie sich herausstellt, ist es die Revolution selbst. 

Aber Sie sagen vielleicht, dass heute, im Jahr 2013, die Situation ziemlich anders ist; und natürlich stimme ich Ihnen zu, aber andererseits ist die Situation doch nicht so verschieden, wie man vielleicht vermutet. Reiche Mäzene gründen nämlich feudale Kunstsammlungen, die ihren Geschmack und Reichtum zur Schau stellen. Ich denke, dass sich heute Kunsträume in aller Welt in ihre feudale Form zurückentwickeln – oder vielleicht vorwärts entwickeln – sie verwandeln sich in Aushängeschilder oligarchischen Reichtums und Geldes aus Spekulationsblasen. Schauen Sie sich diese Visualisierung an, die ich online gefunden habe. Es sind Pläne von Rem Koolhaas‘ Architekturbüro OMA zur Umwandlung des Winterpalastes bzw. der Eremitage, um genau zu sein, in einen weiteren Guggenheim-Ableger. Um etwas vorzugreifen: Ist die Schlacht im Museum, ist die Revolution selbst nur das Vorspiel zu einer kompletten Gentrifizierung, wie dieses Beispiel nahezulegen scheint? 

Lassen Sie uns jetzt diese ganze Problematik mal aus einer anderen Sichtweise betrachten; lassen Sie uns die Perspektive umdrehen, um genau zu sein: Statt dies aus der Sicht des Museums zu betrachten, in dem eine Schlacht stattfindet oder nicht, nehmen wir nun die Perspektive des Schlachtfelds ein. Gibt es ein Schlachtfeld? Gibt es irgendwelche Verbindungen zu zeitgenössischen Kunsträumen oder zeitgenössischen Kunstmuseen? Ich möchte Ihnen ein konkretes Beispiel präsentieren. 

DAS IST EINE EINSTELLUNG („Shot“ im englischen ist sowohl „Schuss“ als auch „Einstellung“). 

Das ist ein Schlachtfeld in der Bergregion südlich von Van. 

DIES IST EIN INTERVIEW. 

EINER DER ANWESENDEN MILIZIONÄRE SAGTE, DASS DIE SOLDATEN UND MILIZIONÄRE, DIE VON DIESER SEITE KAMEN, ANGEGRIFFEN HABEN. 

SIE HABEN SICH ZURÜCKGEZOGEN, SIE WAREN SCHON UMZINGELT, DANN HABEN SIE DIE UMZINGELUNG ETWAS ERWEITERT … 

DANN KAMEN 10 BIS 15 COBRA-HUBSCHRAUBER UND HABEN ANGEFANGEN ZU FEUERN UND ZU FEUER 

Diese Höhle ist eigentlich ein Schlachtfeld in der Nähe von Van im Südosten dieses Landes (der Türkei). Und das ist der Ort, an dem eine Freundin von mir namens Andrea Wolf 1998 angeblich außergerichtlich hingerichtet wurde. Sie gehörte der Frauenarmee der PKK an, der sogenannten kurdischen Arbeiterpartei, und anscheinend wurde ihre Einheit an diesem Ort eingeschlossen. Sie wurden von Land und aus der Luft von Streitkräften beschossen. Und die Höhle ist unter der Einwirkung der Geschosse eingebrochen und alle Überlebenden einschließlich ihr wurden entwaffnet, gefangengenommen und hingerichtet. 

DIE DEUTSCHE KÄMPFERIN, IHR KAMPFNAME WAR RONAHÎ, WURDE LEBENDIG GEFANGEN GENOMMEN. 

SIE SAGTE, SIE SEI JOURNALISTIN. DER OBERST SCHLUG IHR MIT EINEM STOCK AUF DEN KOPF. 

DER MILIZIONÄR SCHLUG IHREN KOPF MIT DEM KOLBEN SEINER WAFFE. 

SIE HABEN SIE GETÖTET. DANN HABEN SIE IHRE BRÜSTE ABGESCHNITTEN. 

Zusammen mit ihr verschwanden über 30 Menschen, die nie wieder gesehen wurden, aber so ist es auch Tausenden anderer Menschen in ähnlichen Situationen ergangen. Und dieses Ereignis wurde, was Sie sicher nicht überraschen wird, nie offiziell untersucht, und schon gar nicht aufgeklärt. Als deshalb vor zwei Jahren bekannt wurde, wo sich dieses mutmaßliche Ereignis zugetragen hat, bin ich mit ein paar Kollegen hingefahren, einfach um diesen Ort zu sehen. Und wir haben etwas gefunden, das wie ein kleines Schlachtfeld aussah, nicht sehr groß, tatsächlich ziemlich klein und vielleicht sogar durchschnittlich und mittelmäßig. Ich denke, es muss hunderte solcher Orte geben. 

DAS IST EINE DECKE. DAS IST EIN STÜCK STOFF. 

DAS IST EIN MANTEL. 

DAS IST EINE JACKE. 

DAS IST EIN GÜRTELSCHAL,

DAS IST EINE KANNE,

DAS IST EIN TOPF. 

DAS IST FÜR MUNITION. 

DAS IST EINE EINSTELLUNG. 

DAS IST EIN GEGENSCHUSS. 

DAS IST EIN MUNITIONSBEHÄLTER. ALS WIR IM LETZTEN JAHR HIERHER GEKOMMEN SIND, GAB ES VIELE PATRONENHÜLSEN. DIE LEUTE HABEN ALLE AUFGESAMMELT. 

DAS IST EINE 20MM-PATRONENHÜLSE, DIE VON EINEM COBRA-HUBSCHRAUBER ABGEFEUERT WURDE. DAS IST EINE HELLFIRE-RAKETE, DIE VON EINEM COBRA-HUBSCHRAUBER ABGEFEUERT WURDE. 

DAS IST DIE FIRMA LOCKHEED MARTIN, DIE DIESE RAKETEN HERSTELLT. 

DAS SIND HOSEN. 

DAS SIND AUCH HOSEN. 

DAS SIND ALLES GÜRTELSCHALS. SIE WERDEN UM DIE HÜFTE GEBUNDEN. DAS SIND ALLES GÜRTELSCHALS. 

JEDER HATTE EINEN GÜRTELSCHAL. ES SIND VIELE. 39 MENSCHEN WURDEN GETÖTET. 

Wie Sie sehen können, habe ich versucht, ein paar Teile der militärischen Trümmer, die diesen Ort bedecken – Tausende von Patronenhülsen und Teile von Raketen und solche Sachen – zu ihren Produzenten zurückzuverfolgen, zu den Herstellern in den westlichen Metropolen. Und ich habe auch eine dieser Hülsen mitgebracht, damit Sie sie sehen können. Hier ist sie, es ist eine 20-mm-Patronenhülse. Es ist tatsächlich dieselbe, die Sie in dem Video gesehen haben. Sie wird – scheinbar – mit einer Gatling M197-Kanone geschossen und wurde von General Dynamics entwickelt und produziert. Und hier ist noch eine andere. Dies ist eine Patronenhülse von einem G3-Gewehr, das mit einer Lizenz von Heckler & Koch auch in dieser Region hergestellt wird. Tatsächlich gab es ein Trümmerteil, das sehr einfach nachzuverfolgen war und das auch in dem Video auftaucht, und das war die Hellfire-Rakete, die auf das Schlachtfeld geschossen wurde. So sieht sie aus, wenn sie an einem Cobra-Hubschrauber hängt. 

Stellen Sie sich also meine Überraschung vor, als ich gesehen habe, wie das Hauptquartier der Herstellerfirma Lockheed Martin in Berlin von oben aussieht. Das ist eine Aufnahme von Google Earth und sie sieht aus wie eine perfekte Kopie des Originalprodukts, sie stimmt völlig überein. Jetzt werden Sie fragen, wie funktioniert das? Wie kann ein militärischer Ausrüstungsgegenstand genauso aussehen wie eine „Stararchitektur“ entworfen von Frank Gehry, der dieses Gebäude in Berlin designt hat, wie kann das sein? Ich glaube, dass es in diesem Fall eine sehr einfache, konkrete Erklärung dafür gibt: Die Software, die Gehry verwendet, um diese schön gerundeten organischen Formen zu erhalten, die sich zu einem Markenzeichen seiner Architektur entwickelt haben, ist nämlich eine Version der Software, die verwendet wird, um militärische Kampfjets zu entwickeln, darunter einige der Cobra-Hubschrauber. Die Quelle beider Objekte ist also dieselbe. Und es scheint, dass irgendwo in der Software ein Bit-Flip auftritt und sich eine Rakete plötzlich in das topaktuelle Foyer einer Bank verwandelt. 

Gehen wir also zurück zu der 20-mm-Patronenhülse, die ich gefunden habe. Als ich diese speziellen Überreste verfolgte, landete ich am Ende in einem noch seltsameren Ort als ein Bankfoyer von Frank Gehry. Und das war natürlich ein Museum. Genauer gesagt, das Art Institute of Chicago, entworfen von Renzo Piano. Und noch genauer, fand ich mich am Ende vor einem Kunstwerk wieder. Wie Sie sehen können, ist dies das Kunstwerk, mit dem Titel „Abstract“, das ich Ihnen vor ein paar Minuten gezeigt habe. Es ist mein eigenes Kunstwerk. Und warum bin ich im Kunstmuseum von Chicago gelandet? Weil es nämlich von den Besitzern der Firma unterstützt und gesponsert wird, die diese Munition herstellen. 

Lassen Sie mich also zusammenfassen. Ich folgte einer Patrone rückwärts. Zu ihren Herstellern, ihrem Ursprung. Sagen wir, dem Ort von dem es metaphorisch gesehen abgefeuert wurde. Die Gesetze der Physik besagen, dass wenn man der Flugbahn einer Kugel rückwärts folgt, man schließlich bei der Person landet, die sie abgefeuert hat. Also, was habe ich gefunden? Ich habe mich selbst gefunden, wie ich ein Video mit meinem iPhone mache, mit dem Text „Das ist eine Einstellung“ (This is a shot). 

Habe ich also diese Patrone abgefeuert, die ich auf dem Schlachtfeld gefunden habe? Habe ich selbst geschossen? Und mir ist etwas noch Merkwürdigeres klar geworden. Die Flugbahn der Kugel ist keine gerade Linie, sie scheint im Kreis zu fliegen. Vom Museum zum Schlachtfeld und dann zurück ins Museum, während sie unterwegs eine Menge Leute tötet. Ich wusste nicht, dass solche Kugeln existieren, aber scheinbar tun sie das. Und scheinbar ist Angelina Jolie die einzige Person, die solche Kugeln kontrollieren kann. 

Sie hat einen Film gedreht, der „Wanted“ heißt. Und in diesem Clip kann man sehen, wie sie eine Kugel in einem perfekten Kreis schießt und auf dem Weg alle Bösewichte tötet. Hier kann man sehen, wie sie das kreisförmige Schießen üben, man klappt man das Handgelenk zur Seite und dann erhält die Kugel einen Drall und sie fliegt in einer Kurve, das nennt man die Flugbahn beugen. 

Aber lassen Sie uns zur wirklichen Welt zurückkommen, die, glaube ich, möglicherweise noch seltsamer ist. Lassen Sie uns nochmal diese Patrone ansehen, die Sie, wie ich weiß, nicht sehen können. Sie ist unsichtbar. Sie schien auf dem Schlachtfeld deutlich sichtbar zu sein, aber wenn man sie in einen Ausstellungsraum bringt, dann verschwindet sie, so als hätte sie nie existiert. Aber wie kann das passieren? 

Für diese Dinge scheinen sehr seltsame physikalische Gesetze zu gelten. Vielleicht können diese Patronen nicht nur im Kreis fliegen, sondern auch in Wellen oder im Zickzack. Lassen Sie uns einmal dieses Diagramm anschauen. Es zeigt das berühmte Doppelspaltexperiment. Man sieht wie ein Teilchen, das abgefeuert wird (in diesem Fall ein Photon), an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Es kann nämlich durch beide Spalten in der Wand zur gleichen Zeit fliegen. Ich verstehe es zwar nicht ganz, aber scheinbar liegt das daran, dass sich das Photon wie eine Welle verhält, die durch beide Spalten gleichzeitig passiert. Und nur im Moment des Aufpralls verwandelt es sich wieder in ein Projektil, etwas, das eine Wirkung hat. Und ich glaube, das könnte eine Erklärung dafür sein, warum eine Kugel viele Dinge gleichzeitig sein kann. Sie kann in einem Museum sein, aber auch auf einem Schlachtfeld. Sie kann ein tödliches Geschoss sein, sie kann eine „Stararchitektur“ sein, sie kann eine Datencloud sein, oder sogar ein gentrifiziertes Viertel. Vielleicht verwandelt sich diese Kugel in eine ähnliche Welle, wenn sie auf die Datencloud trifft. 

Ich würde jetzt gerne Ihre Aufmerksamkeit für einen Moment auf das Gerät lenken, das dieses seltsame Filmen (Schießen) möglich macht und das ist das Handy. Sie wissen ja alle, dass man mit einem iPhone nicht nur Videos machen, sondern auch ins Visier genommen werden kann. Man kann mit einem Laser markiert werden, und wenn man dann ans Telefon geht, wird das Signal von einer Drohne erfasst und eine Hellfire-Rakete auf einen abgeschossen. Das ist in der letzten Zeit einer Menge Leute passiert. Aber es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass Sie von personalisiertem Spam oder von Emails ins Visier genommen werden. Diese überschwemmen Ihr Handy an jedem Ort der Welt, man fragt nicht danach, sie sind einfach da. 

Das ist auch mir passiert, als ich über das Schlachtfeld ging, das ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Und natürlich verstopften Pressemeldungen zu Ausstellungen meinen Posteingang, gerade als ich an diesem Ort war. Und da war eine Ankündigung für eine Ausstellung, die „Modern British Sculpture“ hieß und die an der Royal Academy of Arts in London stattfand. Eine typische Pressemitteilung, die die Rolle der britischen Bildhauerei und ihren Austausch mit dem größeren internationalen Kontext betonte usw. Und in dem Moment, als ich das bekam, zeigte mein Handy gerade zufälligerweise auf eine 7,62mm-Patronenhülse, die von Heckler & Koch hergestellt wurde – oder zumindest von Heckler & Koch entworfen und in Lizenz produziert. 

Stellen Sie sich also meine Überraschung vor – eigentlich war ich gar nicht so überrascht, um ehrlich zu sein – als ich mich ein paar Monate später vor der Royal Art Academy wiederfand, weil ein Vorstand von Heckler & Koch deren Ausstellungen unterstützt. Und es kam mir in den Sinn, dass die moderne britische Bildhauerei vielleicht selbst das Schlachtfeld sein könnte, zumindest teilweise. Wie gesagt, die Kugeln verschwinden aus den Ausstellungsräumen, sie werden unsichtbar, aber manchmal hinterlassen sie dort Spuren. Schauen Sie sich diese Aufnahme an. Sie zeigt die Arbeit „Single Form Memorial“ der Künstlerin Barbara Hepworth, die sie 1961/62 gemacht hat. Und ich war wirklich fasziniert von dem Werk und ich wusste nicht so recht warum. Aber dann habe ich es herausgefunden. Der Durchmesser des Lochs ist genau 7,62mm, zumindest in dieser Ausstellungsansicht. 

Wir haben es also wieder mit der seltsamen Physik der Kugeln zu tun, die in Kunsträumen auftauchen und verschwinden, manchmal in Kreisen, die Löcher zurücklassen und sich als Kunstspam materialisieren oder als Bankfoyers, wenn sie von verirrten Datenclouds abgelenkt werden. Wir können uns Google-Brillen vorstellen, auf deren halbdurchsichtigen, verspiegelten Oberflächen die Pressemitteilungen von Ausstellungen neben den Kratern von Drohnentreffern erscheinen. 

Lassen Sie uns also zu der Frage zurückkommen, die ich vorhin gestellt habe: Was sieht man eigentlich auf diesem Bild? Was ist der Gegenschuss dazu? Was sehe ich, wenn ich durch das iPhone schaue? Und natürlich sehe ich Sie, oder allgemeiner, ich sehe die Istanbul-Biennale. Und ich könnte zum Beispiel diese Installationsansicht sehen, die bei der letzten Ausgabe der Biennale gezeigt wurde. Ein sehr schönes Kunstwerk des Künstlers Kris Martin, übrigens mit dem Titel „Obussen II“. Die Arbeit besteht aus 700 leeren Haubitzengranaten aus dem Ersten Weltkrieg. Ich habe versucht, das genaue Kaliber dieser Waffen herauszufinden, aber es ist mir nicht gelungen. 

Es ist aber so, dass diese Granaten sichtbar sind, richtig? Ich sagte, dass die Patronenhülsen normalerweise in Kunsträumen verschwinden, aber diese hier sind deutlich sichtbar. Und der Grund dafür ist natürlich, dass sie Kunstwerke sind. Sie haben sich von Waffen in Kunstwerke verwandelt. Und darum ist es natürlich nicht fair zu fragen, wer sie abgefeuert hat, aber wir sollten fragen, wer diese Kunstwerke gesponsert hat. 

Also, hier sind ein paar der Sponsoren der letzten drei Ausgaben der Biennale und ein Teil der Ausrüstung, die sie herstellen. Dies sind tatsächliche Rüstungsgüter von ein paar dieser Firmen. Natürlich sind Koç Holding und Otokar sehr bekannt, aber auch Zorlu Vestel, die sehr wichtige Hersteller von Drohnen für den inländischen Gebrauch sind. Dann haben wir eine andere Tochterfirma namens Ayesas, die all dies wartet und herstellt, und noch eine Firma namens Thomson Tekfen Reuters und auch Siemens, die deutsche Firma, der bis letztes Jahr eine Panzerfirma gehörte. 

Jetzt bin ich also komplett am Ende meines amateurhaften Wissens über Waffen und kann überhaupt nicht mehr erklären, welches Kaliber zu welcher Waffe passt. Ich kann es wirklich nicht sagen. Aber Sie können ja selbst versuchen, die Granaten mit den Waffensystemen des Sponsors zusammenzubringen, vielleicht gelingt es Ihnen ja. Dann wissen Sie, wer welches Kunstwerk gesponsert hat. 

Aber dies sind nur die leeren Hülsen, die Granaten selbst wurden bereits abgefeuert. Und obwohl ich nicht weiß, wer dieses Kunstwerk gesponsert hat, habe ich gesehen, wo sie tatsächlich eingeschlagen sind. Nachdem sie im Kreis und sogar rückwärts durch die Zeit geflogen sind, treffen sie Schlachtfelder, wie das, welches ich Ihnen gezeigt habe. 

Lassen Sie mich also eine etwas allgemeinere Frage stellen: Gibt es eine Verbindung zwischen militärischen Konflikten und Entwicklungen am Kunstmarkt? Kann ein Bürgerkrieg für einen Boom am Kunstmarkt förderlich sein? Gibt es etwas Ähnliches wie das, was mein Kollege Christopher Kulendran Thomas einen „post-genozidalen Kunstboom“ nennt? Er verwendet das Beispiel von Sri Lanka, um sein Argument zu untermauern. Es handelt sich also um ein sehr internationales Phänomen. 

Es wurde schon öfter angemerkt, dass der jüngste Kunstboom in der Türkei seine Wurzeln im Boom der Wirtschaft und der Geschäftswelt nach dem Militärputsch von 1980 hat, als die Privatisierung beschleunigt und die Macht der Arbeiter zerschlagen wurde. So wie es Vehbi Koç bekanntermaßen in einem Brief geschrieben hat, der in einer bewundernswerten Intervention in der vorletzten Biennale zitiert wurde: „Dies gelang durch die Zerschlagung der kommunistischen Partei, linken Organisationen, der Kurden, der Armenier“. Und natürlich der Macht der Arbeiter. 

Die explosive Entwicklung der Wirtschaft fand ihren Widerhall aber auch in sehr realen Explosionen von Granaten und einem andauernden militärischen Konflikt gegen einige der Leute, die auf dieser Liste genannt wurden. Die Kugel, die 1980 abgefeuert wurde, flog also zur selben Zeit durch zwei Löcher in der Wand. Eine Folge war die explosive Entwicklung der Wirtschaft – und damit indirekt auch des Kunstmarkts – durch die Privatisierungen, und andererseits die sehr wörtliche Explosion von Granaten und Raketen – die massenhaften Vertreibungen, Folter usw. nicht zu vergessen. 

Es gibt aber noch einen anderen Effekt dieses „Doppelschusses“. Wie Sie sicher wissen, wird jeder, der einen Schuss abfeuert, von einem Rückstoß getroffen. Wenn man ein Gewehr abfeuert, trifft einen der Rückstoß in der Schulter. Die Wirkung der Waffe ist also nicht nur an der Stelle spürbar, auf die gezielt wird, sondern auch dort, wo sie abgefeuert wurde. Sie verändert auch ihre eigene Umgebung. 

Also wie wissen wir, ob solche Schüsse in der Nachbarschaft, der Umgebung abgefeuert wurden? Es ist sehr einfach: Wenn das passiert ist, dann wird Ihr Viertel von Frank Gehry umgebaut, oder von Rem Koolhaas oder von Zaha Hadid oder Nicholas Grimshaw. Schauen Sie sich Zaha Hadids Pläne für das Kartal-Gebiet in Istanbul an. Sie sehen, dass es durch Einschusslöcher strukturiert wird. Sehen Sie diese Gebäude an, sie sind vollständig aus Einschusslöchern gemacht. Wie konstruiert man so ein Gebäude? Man stellt eine nasse Betonplatte auf und wartet darauf, dass ein paar hundert Mal von der im Kreis herumfliegenden Kugel getroffen wird und dann lässt man sie trocknen. Das ist das Gebäude. 

Lassen Sie mich zur Biennale und ihren Sponsoren zurückkommen, weil mir einer von ihnen besonders aufgefallen ist und zwar Siemens. Siemens war lange Zeit einer der größten Waffenhersteller in Deutschland, bevor sie sich letztes Jahr endlich entschieden haben, sich aus diesem Geschäft zurückzuziehen – oder das zumindest angekündigt haben. Andererseits hatten sie für eine Weile auch eine sehr beachtliche Kunstförderung. Viele der Ausstellungen, an denen ich teilgenommen habe, wurden durch dieses Programm gefördert. Aber zur gleichen Zeit entwickelte die Tochterfirma Nokia Siemens etwas, das sich „Monitoring Center“ (Überwachungszentrum) nennt. Dieses System, das die gesamte Internet- und Telefonkommunikation kontrollieren und unterbrechen kann, wurde an Syrien, den Iran, Jemen, Bahrain und Ägypten verkauft. In Syrien passierte es also, dass Menschen, die YouTube- Videos von Protesten hochgeladen hatten, verhört wurden, während ihnen detaillierte Transkriptionen ihrer Online-Aktivitäten vorgelesen wurden. Und in Bahrain wurden Oppositionellen ihre eigenen SMS- Nachrichten vorgelesen, während man sie folterte. Im Iran benutzte es die Polizei natürlich, um Versammlungen und Demonstrationen zu verhindern, weil sie die Informationen schon vorher hatte. Und dieses System ist auch in der Lage, heimlich die Kameras und Mikrophone in Mobilgeräten zu aktivieren. Es kann Ihre E-Mails ändern, während Sie sie schicken und so weiter. 

Und Apple macht das natürlich auch. Sie haben gerade ein System entwickelt – oder patentiert – das in der Lage ist, per Fernsteuerung die Aufnahmefunktion Ihres iPhones auszuschalten. Stellen Sie sich also vor, sie können das in der Nähe von irgendeiner Bibliothek, militärischen Einrichtung, oder irgendeinem Ort des Protests machen. So dass Sie nie wieder ein Buch fotografieren können, anstatt es zu kopieren. Oder, ich weiß nicht, militärische Geheimnisse verraten, oder, was weiß ich, staatliche Gewalt bei einer Demonstration dokumentieren.

Und ich wollte auch kurz Vodafone erwähnen, das auch einer der Biennale-Sponsoren ist. Es hat vor ein paar Wochen ungeniert zugegeben, alle privaten Telekommunikationsdaten seiner Kunden an den britischen Geheimdienst weiterzugeben. 

Okay, diese Werkzeuge erzeugen also toxische Datenclouds. Datenclouds, die das Potential haben, Menschen zu töten oder zu schädigen. Clouds, die nicht weniger gefährlich sind, als die experimentellen Tränengaswolken, die die Leute in der letzten Zeit öfter in türkischen Städten mitbekommen haben. Und diesen gingen genauso experimentelle und manchmal tödliche chemische Interventionen voraus, zum Beispiel auf dem Schlachtfeld, das ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Einer der unheimlichsten Aspekte dieses ganzen Ortes war nämlich die unzweifelhafte Präsenz irgendeiner chemischen Substanz, die selbst nach dreizehn Jahren nicht verschwunden war. Und die beweist, dass dieses Schlachtfeld auch ein Testgelände dafür war, Wolken als Waffen einzusetzen. 

Lassen Sie mich also eine letzte Patronenhülse zeigen. Dies ist auch 7,62 mm und sie wurde aus einer AK-47 abgefeuert, aus einer Kalaschnikow der PKK Kämpfer, um genau zu sein. Damit will ich einfach nur die ganze Geschichte erzählen und nicht vorgeben, sie wären unbewaffnet gewesen oder hätten keine Gewehre benutzt. Das taten sie sehr wohl, bevor sie entwaffnet, gefangengenommen und hingerichtet wurden und bis zum heutigen Tag verschwanden, so wie viele Menschen, die nie eine Waffe getragen haben. Also, dieses spezielle Projektil ist sehr, sehr schwierig nachzuverfolgen, weil, wie Sie wissen, die AK-47 die am meisten illegal kopierte Waffe der Welt ist und die Situation nach dem Kollaps von Saddam Husseins Regime im Irak noch viel komplizierter geworden ist. Es könnte von irgendeinem dieser Fabrikate kommen. 

AIM/GP AUS RUMÄNIEN 

MPIKM AUS DER DDR 

TYP 56/56-1 AUS CHINA 

M70 AUS JUGOSLAWIEN 

ZASTAVA M70 AR-M1S AUS BULGARIEN 

T3 AK-47 

MFG AKM AUS UNGARN 

Es könnte aus Rumänien, der DDR, China, Serbien, Jugoslawien und von wo auch immer sein. Es ist ziemlich unmöglich dem nachzugehen, aber eigentlich gehört das Patent für die AK-47 immer noch dem russischen Staat und wenn dieser dafür Lizenzgebühren bekommen sollte – was ich eigentlich bezweifele –, aber wenn es so wäre, könnten sie das gut in den Umbau der Ermitage in einen neuen Guggenheim-Ableger investieren. Warum nicht? 

Es scheint, als würden wir in einer merkwürdigen Feedbackschleife wieder zur Ermitage zurückkehren. Und es scheint, dass wir immer in einem Museum landen, egal welche Waffe wir anschauen. Ob beim Gehry-Team, gefördert durch Einkünfte aus den G3-Gewehren, dem Koolhaas-Team, finanziert durch die AK-47, wir könnten immer in einem Museum enden. Nachdem ich mich in dieser Feedbackschleife wiedergefunden habe, habe ich in meinem Fall entschieden, mich nicht aus diesen in einer eklatanten Weise mit militärischer Gewalt und Gentrifizierung verbundenen Räumen zurückzuziehen, sondern im Gegenteil, diese Arbeit in jedem einzelnen dieser Räume zu zeigen. Dieses Schlachtfeld ist natürlich mit jedem einzelnen Kunstraum verbunden. 

Ich denke, man kann genauso gut versuchen, die Richtung dieser Feedbackschleife umzukehren, einfach so, als physikalisches Experiment. Schließlich passieren seltsame Dinge in diesem Bereich.

Um das zu erklären, lassen Sie mich kurz ein letztes historisches Beispiel anführen: die Erstürmung des Louvre 1830. Dies war nicht das erste Mal, dass der Louvre in Paris gestürmt wurde. Man könnte sogar sagen, dass er aus einer Erstürmung hervorgegangen ist. Er wurde 1792 gestürmt, und wurde von einer Sammlung feudalen Raubguts in das wohl erste öffentliche Kunstmuseum umgewandelt. Es brauchte eine Schlacht, um das zu erreichen, um ein öffentliches Kunstmuseum zu bekommen. Und nicht nur eine, weil der Louvre noch fünf weitere Male im Laufe des 19. Jahrhunderts gestürmt werden musste, damit er ein öffentlicher Kunstraum bleiben konnte. Er wurde 1830, 1832, 1848 und 1871 gestürmt, als er vollständig niederbrannte. 

Das demonstriert meine Auffassung, dass wenn man ein öffentliches Kunstmuseum erschaffen will, man es scheinbar vorher stürmen muss. Und darum könnte man sagen, dass wir uns heute glücklich schätzen können, dass wir diese privaten Kunstmuseen und Kunstsammlungen haben, weil denken Sie an all die Möglichkeiten, öffentliche Museen zu erschaffen. Schauen Sie sich den Louvre an und wie das funktioniert hat und schauen Sie sich den Ableger in Abu Dhabi heute an, entworfen von Jean Nouvel, um zu sehen, wie es wieder feudal wird. Ein Museum, das scheinbar im Kreis herumfliegt. 

Aber, wie Eisenstein weiß, ist das nur die halbe Geschichte. Um ein Museum zu stürmen, muss man auch die Leinwand stürmen. Darum wurde Eisensteins Film „Oktober“ überhaupt gedreht. Es scheint heute also so, dass wieder dasselbe zutrifft: Wenn Museen wieder feudal werden sollten, müssen sie vielleicht wieder gestürmt werden. Aber wir müssen auch die Bildschirme auf unseren Aufnahmegeräten stürmen. Wie es scheint, verwandeln die Clouds die Kugeln in Kunstspam und die Realität in Immobilien. 

Wie also könnte man das machen? Es ist sehr einfach: Sie müssen in die Cloud gehen, und das ist heutzutage gar nicht schwer. Sie machen einfach ein Selfie und laden es hoch und so werden Sie zu Daten. Sie können auch eine echte Tränengaswolke probieren – ich wette, das würde auch funktionieren, Sie müssen es einfach probieren. Um es einfach zu halten, habe ich eine kurze Anleitung aufgenommen. 

Audio-Anleitung: 

Nehmen Sie also Ihr Mobiltelefon und wählen Sie die Funktion, bei der es nicht so wahrscheinlich ist, dass diese abgehört, unterbrochen, gehackt oder überwacht wird – und das ist die Taschenlampe. Jetzt leuchten Sie auf ihre Hand. 

Und jetzt greifen Sie die unsichtbare Patrone, die seit 1980 herumfliegt und viele Menschen auf ihrem Weg hat verschwinden lassen. 

Und wenn Sie nicht wissen, wie man das macht, nehmen Sie einfach Unterricht bei Angelina Jolie. 

Könnte man vielleicht die Richtung dieser Patrone umdrehen? 

Könnte man die Menschen, die durch sie gestorben sind, enttöten? 

Und selbst wenn das nicht möglich ist, könnten wir wenigstens die enttöten, die sozusagen noch nicht durch sie gestorben sind? 

Und jetzt klappen Sie das Handgelenk zur Seite und beugen Sie die Patrone in die andere Richtung.