November, 2004      

Mit 17 war meine beste Freundin ein Mädchen namens Andrea Wolf. 1998 wurde sie als kurdische    Terroristin erschossen.    

NOVEMBER
EIN FILM VON HITO STEYERL    

Dies ist mein erster Film. Das bin ich. Das ist Andrea. Es ist unmöglich, die Handlung des Films zu    rekonstruieren.    
Es wurden nur die Kampfszenen gedreht und in denen versucht eine Gang aus drei Mädchen    unbeholfen, alle Männer zu verprügeln, die sie in die Finger bekommen. Der Film ist stumm, weil die    einzigen Filmrollen, die wir stehlen konnten, keinen Ton hatten.    
Und Andrea war das charismatische, starke und schöne Zentrum. Ich habe Andrea zum letzten Mal zwei    Jahre bevor sie untertauchte, und fünf Jahre bevor sie in Kurdistan hingerichtet wurde, gesehen.    

EIN NACHGESPROCHENER ZEUGENBERICHT EINER GUERILLAKÄMPFERIN.    
Sie haben sie gefangen genommen; man konnte ihre Stimme hören. Die Stimme der Genossin Ronahî    war voller Angst. Sie schrie. Zuerst verstummte ihre Stimme, dann die des Genossen Diyar, dann wurde    Genossin Ronahî getötet.     
Es gibt merkwürdige Übereinstimmungen zu dem Material, das wir fast 15 Jahre davor in Bayern, wo wir    aufgewachsen sind, gedreht hatten.    
Im Film kämpfen wir andauernd – wahrscheinlich für Gerechtigkeit. Und der ethische Code des Films    war, dass nur Bösewichter Waffen verwenden und die guten Jungs und Mädchen mit ihren bloßen    Händen kämpfen. Nur dass ich in diesem Film erschossen werde und Andrea überlebt. Sie nimmt die    Waffe, erschießt den Bösewicht und fährt mit einem Motorrad in den Sonnenuntergang.    Ihr Körper kam nie zurück. Stattdessen kam dieses Plakat. Darauf steht: „Die Märtyrerin Ronahî, wurde    als Kämpferin der YAJK (Freie Frauenarmee Kurdistans) von türkischen Sicherheitskräften    gefangengenommen und ermordet. Die gefallenen Revolutionärinnen sind unsterblich.“ Ich habe dieses    Plakat in einem Kino gefunden, neben Plakaten für Sexfilme, als wäre es einfach nur ein weiteres Pin-up-    Poster. Pin-up-Poster als revolutionäre Mittel sind nichts Neues. Technisch reproduzierte Bilder ziehen    um die Welt und verbreiten heroische Posen.     

POSEN UND GESTEN    
Meine Damen und Herren, willkommen zur Gewalt, in Wort und Tat. Gewalt verschlingt alles, was sie    berührt. Ihr unersättlicher Appetit wird selten befriedigt. Aber Gewalt zerstört nicht nur, sie erschafft und    gestaltet auch. Lassen Sie uns also diese gefährliche, böse Schöpfung einmal genauer betrachten –    diese neue Spezies, verborgen unter der geschmeidigen Haut der Frauen. (Der Anfang von Russ Meyers    Film: Film Faster, Pussycat, Kill, Kill! (Anm. d.Red.))    
Zu der Zeit, als wir diesen Film gedreht haben, sollten Frauen gut aussehen und still sein. Weibliche    Vorbilder gab es kaum. Wir haben sie im Kino gefunden, zum Beispiel in diesem unglaublich    geschmacklosen Film. Es geht um eine Gruppe Frauen mit großen Brüsten, die Männer terrorisieren. Wir    kopierten diese Posen und brachten so Pin-ups hervor, die irgendwo zwischen Pornographie und    schlimmen Dilettantismus angesiedelt waren.    
Das Bild der Frau mit der Pistole war zunächst einfach ein Spiel, das Elemente der Verführung und    Unterwerfung beinhaltete. Aber im Verlauf der Zeit erhielt es auch einen weiteren Aspekt.    Das ist Andrea in Kurdistan. Diese Bilder sind nicht länger Super-8, sondern Video. Bilder des    bewaffneten Kampfes, die mit dem Satelliten-Fernsehen über den ganzen Globus verbreitet werden.     Dies ist ein Bild von Andrea in einem Camp im Nordirak.    
Ich habe in Deutschland in der revolutionären Linken teilgenommen und wir haben uns gemeinsam mit    Genossinnen umgeschaut, in welchem Prozess auf der Welt wir teilnehmen können, um etwas zu lernen.    Und andere Genossen sind auch schon hier, wir nehmen teil an der politischen Bildung und auch an der    Ausbildung. Wir wollen die Prinzipien der Partei verstehen und wollen im eigenen Land nach den eigenen    Bedingungen wieder neu gründen. In Deutschland habe ich eineinhalb Jahre gewartet und das heißt, ich    bin jetzt hier für nicht ganz drei Monate. So lange musste ich warten, bis ich dann kommen konnte.     
Nach Andreas Tod habe ich von einer kurdischen Satelliten-TV-Station eine Kassette mit diesem Film    bekommen. Ein Freund, den ich gefragt hatte, ob er den türkischen Off-Kommentar übersetzen kann, fing    an zu lachen, als er den Regisseur sah. Er sagte: „Aber der wohnt hier gleich um die Ecke.“ In dem  Moment habe ich gemerkt, dass „Kurdistan“ nicht nur „dort“, sondern auch „hier“ war.     

Das gesamte Kriegsgebiet Nordkurdistan ist ein weißer Fleck auf der Landkarte. Der Krieg hat in einem    Vakuum stattgefunden, es gibt keine Zeugen. Und in dieser Situation ist alles möglich. Alles, was in    deiner Seele weh tut. Alles ist möglich, alles Schlechte, was du dir vorstellst, ist möglich und alles das ist    auch passiert. Den Geruch von Krieg in all seinen Formen, den hatte ich von Anfang an in der Nase. Das    Tragen von Waffen ist ein absolutes „Muss“ gewesen, damals. Gefühlsmäßig war mir das Tragen von    Waffen widerwärtiger, weil natürlich immer im Hinterkopf präsent wird, dass dies keine Accessoires sind    wie eine Filmkamera, aber Waffen sind für einen ganz bestimmten Zweck.    

DIES IST DIE STIMME EINES EHEMALIGEN KÄMPFERS.    
DIE STIMME WURDE IN BERLIN AUFGENOMMEN.    
DIESE STIMME ERINNERT SICH AN EINEN KRIEG IRGENDWO ANDERS.    Der Bodhidharma ritt auf dem Rücken eines Tigers von Indien nach China. 

KAMPFKUNST    
Am Ende seiner Reise erreichte er das Shaolin-Kloster, wo er der Legende nach die Kampkunst    begründet hat. Der einsame, umherziehende Kämpfer wurde zur Ikone des Kampfes der Unterdrückten    gegen die Privilegierten. Später übernehmen Filme die Aufgabe des umherziehenden Kämpfers und    verbreiten die Bilder des Kampfes ohne Waffen über die ganze Welt.     Das Proletariat ist international oder gar nicht. Ich will nichts mehr vom Klassenkampf hören. Sonst    schicke ich meine Soziologen! Und wenn nötig meine Psychiater! Meine Stadtplaner! Meine Architekten!    Meine Foucaults! Meine Lacans! Und wenn das nicht reicht, schicke ich sogar meine Strukturalisten.    Aber nicht nur die Bilder der kämpfenden Helden reisten, sondern auch die Praxis der Kampfkunst selbst.    Während ihrer Zeit in Kurdistan praktizierte Andrea weiterhin Kampfkunst und brachte sie den    Kämpferinnen bei. Die Kampfkunst wird über die ganze Welt von wandernden Kämpfern, von    Besatzungs- und von Befreiungsarmeen; von umherziehenden Mönchen, militärischen Ausbildern, den    Mitgliedern von obskuren Geheimgesellschaften, Freiheitskämpfern und sogar situationistischen    Filmemachern verbreitet.     
Die Kommune, Nicholas, die Kommune ist nicht tot.    

UMHERZIEHENDE BILDER  
 Als sie zur Märtyrerin der kurdischen Sache erklärt wurde, wurde Andrea selbst zu einer ungewöhnlichen    Art von Ikone, zu einem umherziehenden Bild.     
Dies ist eine Demonstration in Deutschland, kurz nachdem Abdullah Öcalan, der Führer der PKK,  gefangen genommen worden war.    

Sehr geehrte Damen und Herren, dieser Krieg wäre nicht möglich ohne die Unterstützung, die die    deutsche Bundesregierung seit Jahrzehnten der türkischen Armee gibt. Es sind deutsche Panzer, die kurdische Dörfer niederwalzen. Es sind Foltereinheiten der türkischen Polizei, die in Bayern    ausgebildet wurden.    
Zuerst haben wir die umherziehenden Bilder, globale Ikonen des Widerstands, aufgegriffen und    verarbeitet, und dann wurde Andrea selbst zu einem umherziehenden Bild, das über den Globus    wandert. Ein Bild, das von Hand zu Hand weitergegeben wird, kopiert und reproduziert von    Druckmaschinen, Videorecordern und dem Internet.     
Aber im Moment scheint es unmöglich zu sein, diese Art Bild zu universalisieren, anders als zu den    Zeiten des linken Internationalismus, als die Ikonen der berühmten Internationalisten die Fantasie der    Jugend in den Metropolen anregte.     

INTERNATIONALISMUS  
 … ich habe entschieden, in jedem Film über Vietnam zu sprechen …    
Für Brüderlichkeit!   
Wir sind nicht mehr in der Zeit des Oktobers, wie ihn Eisenstein beschreibt, als die Kosaken entschieden,    sich während der bolschewistischen Revolution im Sinne der internationalen Brüderschaft dem    russischen Proletariat anzuschließen.     Und    
Jetzt sind wir in der Zeit des Novembers.    
Im November werden aus früheren Helden Verrückte, die in außergesetzlichen Hinrichtungen irgendwo    an einem staubigen Straßenrand exekutiert werden und kaum jemand schaut sich das genauer an.     
Liebe Freundinnen und Freunde, vor 80 Jahren war hier eine große Menschenmenge. Und der siebte    November endete mit der Ausrufung einer Räteregierung.     
Ein paar Tage nach Andreas Tod wird eine Demonstration zur Erinnerung an die bayrische Räterepublik    abgehalten.    
Die Entscheidung ist gefallen! Bayern ist Räterepublik! Das werktätige Volk ist Herr seines Geschicks.    Jegliche Ausbeutung und Unterdrückung muss nun ein Ende haben!    
November ist die Zeit nach dem Oktober, wenn Revolutionen scheinbar vorbei sind und die Kämpfe in    der Peripherie partikulär, lokal verwurzelt und scheinbar unkommunizierbar werden.     
Im November wird die Führung von einer neuen reaktionären Form des Terrors übernommen, der abrupt    mit der Tradition des Oktobers bricht.    
Proletarier, lerne das Gewehr zu beherrschen!  
1,18 Millionen Patronen DM10    
180.000 Patronen Sprengmunition DM31     
187 MTW-Panzer M113     
85 Leopard 1A1 Panzer    
39 Bergepanzer M88    
10 Faltbrücken    
5 Aufklärungsflugzeuge    
600 Schlauchboote     
100.000 Bazookas    

IM NOVEMBER FÄLLT DIE BERLINER MAUER.    
Nach dem Fall der Berliner Mauer werden die Waffen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR    an die türkische Armee übergeben.     

DIE EHEMALIGEN SOZIALISTISCHEN ARMEEN WERDEN AUFGELÖST, ABER NICHT DEREN    WAFFEN.
Sprich die alten Waffen der NVA, die wurden an die türkische Regierung verschenkt und dann direkt    gegen die kurdische Zivilbevölkerung eingesetzt. Als ich nach Botan gekommen bin, hatte ich die    Gelegenheit eine zerstörte Militärkaserne zu untersuchen. Das Allererste, was wir gefunden haben,    waren Munitionskisten für Landminen, die aus der GDR stammten. Die Dorfschützen, die waren alle mit    deutschen Kalaschnikoffs ausgestattet. Die Panzer, die man sehr oft durch das Fernglas beobachten    konnte, waren deutsche BAT-Panzer. Das war für mich ein Akt der eindeutigen Parteiergreifung für die    Türkei und ein Großteil meiner persönlichen Freunde sind immer kurdische Leute gewesen und ich hatte    dazu natürlich einen Bezug.    

DEUTSCHLAND IST IN KURDISTAN. KURDISTAN IST IN DEUTSCHLAND. GEMISCHTE GEBIETE   
Eine gemischte Zone entsteht da, wo die Grenzen des Krieges zur Unkenntlichkeit verschwimmen.    

KURDISCHER KRIEG IN DEUTSCHLAND    
Andrea hatte ihren Kampfnamen Ronahî von einem kurdischen Mädchen übernommen, die starb,    nachdem sie sich 1994 in Mannheim aus Protest gegen die Einschränkungen, die gegen die PKK in    Deutschland verhängt wurden, selbst angezündet hatte.    
Allein 47 Verletzte beklagt die Polizei nach den überaus militanten Ausschreitungen von mehreren    Tausend Kurden in der Augsburger Innenstadt und wie hier auf der Autobahn München-Stuttgart.    Alle Dinge , die erzählt werden – also egal von wem, egal wann, egal wo, diese Dinge sind auch    nachweislich sehr oft falsch.     Der Krieg im Irak reicht bis Berlin. 160 000 Türken leben hier, ein Drittel davon Kurden.    

Das bin ich als eine kurdische Demonstrantin in einer Fernsehdokumentation. Tatsächlich war ich auf    dieser Demonstration gegen den Irak-Krieg als Kamerafrau anwesend.    
Aber weil der Regisseur von meinem Filmprojekt wusste, nahm er plötzlich die Kamera. Er holte eine    Fahne, wickelte sie um meinen Hals, stopfte eine Fackel in meine Hände und sagte mir: „Schau jetzt    traurig und nachdenklich. Schau, als ob du an Andrea denken würdest.“   
 Als der Film gesendet wurde, stellte sich heraus, dass im Film nur eine Aufnahme von der Demonstration    verwendet wurde. Und es war diese.    

Der Krieg gefährdet auch ihren Frieden. Die Türkei und die Freiheit der Kurden in Nordirak.     Es gibt die Pose des militärischen Helden, aber es gibt eine andere Pose, die viel problematischer ist.    Und das ist die Pose der einfühlsamen, beherrschten und verständnisvollen Filmemacherin, die eine    persönliche Geschichte erzählt. Aber ich verstehe gar nichts und diese Pose ist noch viel scheinheiliger,    als selbst die krudeste Propagandaikone.     

Es gilt in jedem Krieg das gleiche Prinzip, nämlich das Prinzip, dass die Wahrheit nämlich als erstes    daran glauben muss. Und eben die Tatsache, dass die PKK eben viele Fehler gemacht hat, die sie bis    heute nicht eingesteht.    
Nicht nur die türkische Armee, auch die PKK hat Verbrechen gegen die Kurden begangen. Sie haben 111    Lehrer in der Region hingerichtet. Die Partei hat den Befehl gegeben, Duzende von Dissidenten zu töten.    Nach seiner Flucht aus Syrien floh Abdullah Öcalan in das Haus des russischen Rechtsradikalen    Wladimir Schirinowski.     

Du kannst davon ausgehen, dass alles, was geradlinig erzählt wird oder so erzählt wird, dass diese    Darstellungen keine Widersprüche zulassen, diese Dinge sind alle falsch. Gehört dies auch zu den    Heldengeschichten? Das gilt natürlich auch für die Geschichte natürlich. … und die PKK vertritt für uns    eigentlich ein Prinzip, dass sie sagt unter den schwersten Bedingungen ist ein Ausweg möglich …      11    Aber keine von uns hat den Weg aus dem Labyrinth der umherziehenden Bilder gefunden. Im November    sind wir alle Teile der Geschichte und nicht ich erzähle die Geschichte, sondern die Geschichte erzählt    mich.    

Schnitt! Danke! Gestorben! Also Jungs, macht alles fertig für die Einstellung mit Billy. Los, los, trödelt    nicht so! Die Kamera auf die andere Seite, ein bisschen Bewegung!   
Bruce Lees letzter Film kam 5 Jahre nach seinem Tod heraus. Er spielt einen Filmstar, der vor laufender    Kamera seine eigene Erschießung inszeniert, damit er für tot erklärt wird und danach verdeckt ermitteln    kann.     

Und Action!    

Diese Szenen sind fiktional, aber die Szenen, die für Billy Los falsche Beerdigung verwendet wurden,    sind dokumentarische Szenen von Bruce Lees echter Beerdigung. Seitdem denken viele Menschen, dass    Lees Tod nur inszeniert war und dass er noch lebt und nur auf den richtigen Moment für seine Rückkehr    in die Gesellschaft wartet.    

Für die Öffentlichkeit sind sie tot. Aber dann wäre es auch nötig, dass sie einen anderen Namen    annehmen.  
 In Andreas Fall ist dies nicht die Handlung eines Kampfkunstfilms aus Hongkong, sondern die offizielle    Position des Staates.    

Vorher! Nachher!     

owohl die türkische Regierung als auch die deutschen Behörden glauben an die Fiktion, dass Andrea    noch lebt und dass ihr Aufenthaltsort unbekannt ist. In dieser offiziellen staatlichen Fiktion, könnte Andrea    ihren eigenen Tod vorgetäuscht haben, so wie Bruce Lee. Für den deutschen Staat lebt Andrea noch und    wird vielleicht nie sterben.    
1983 haben wir einen feministischen Kampfkunstfilm gemacht und Andrea Wolf war sein glamouröser    Star. Dann wurde aus diesem Amateurspielfilm plötzlich ein Dokument. Jetzt wurden einige dieser    Dokumente wieder zur Fiktion. Und diese Fiktion erzählt nur eine Wahrheit. Diese Wahrheit ist, dass    Andrea nur in der Fiktion im Sonnenuntergang verschwunden ist.    
Die Wahrheit ist, dass ich nur in der Fiktion für meine Ideen gestorben bin. Nur in der Fiktion sind die    Frauen stärker als Männer geworden. Nur in der Fiktion wurden die deutschen Waffen nicht gegen die    kurdische Bevölkerung eingesetzt. Nicht mal in der Fiktion sind die Helden unschuldig. Und nur in der    Fiktion setzt sich das Gute schließlich durch.    

Fußnote:    
Als wir Mitte der 70er Jahre angefangen haben, so Stadtguerilla hier in der BRD oder in Westberlin zu    praktizieren, haben wir natürlich die Filme wie die „Schlachtung Algier“ und „Der unsichtbare Aufstand“    aufmerksam uns angesehen. Erst als Film oder als Zeitdokumente und später natürlich auch unter dem    Aspekt, was man aus diesen Filmen lernen könnte. Das war also …  
Ein ganz wichtiger Film ist Costa Gravas „Unsichtbarer Aufstand” über eine Aktion mit Tupamaros in    Montevideo in Uruguay gewesen und in diesem Film gibt es verschiedene Szenen, die wir uns damals    genau angesehen haben. Zum Beispiel die Entführung, wo halt Costa Gravas darstellt, wie der Mitrione    aus dem Haus kommt und mit mehreren Autos eingekeilt wird und dann verschleppt wird, in einen    Teppich eingerollt wird. Dieses Teppicheinrollen hat es später auch in realen Fällen hier in der BRD    gegeben. Es ist zum Beispiel in einem Fall in Österreich, wo mal ein Millionär entführt worden ist, eine    Lösegeldgeschichte 1978, der ist tatsächlich in einem Teppich eingerollt transportiert worden, wo dann die Füße etwas raushingen, es hatte also auch gewisse Slapstick-Elemente. Und auch in dem Film von    Costa Gravas ist eine Szene drin, wo jemand aus dem Teppich halt rausfällt. Also diese Methode ist    einfach nicht zu empfehlen, wirklich.     
Es gibt eine andere Szene in dem Film, die fanden wir sehr faszinierend damals. Es findet eine    Abstimmung innerhalb der Gruppe statt. Ein Kader von den Tupamaros fährt mit einem Überlandbus für    längere Zeit, es steigen immer wieder Leute zu, sagen kurz ihre Meinung und steigen dann wieder aus    und drei, vier Stationen später steigt der Nächste ein. Der macht sozusagen eine Rundtour und so sind    wir auf die Idee gekommen, diese Überlandbusszene auf der Linie 1, auf die berühmte Linie 1 der     U-Bahn in Westberlin zu verlegen. Und das hat irgendwie nie geklappt. Entweder kamen die Leute zu    spät, man hat sie noch der U-Bahn hinterherrennen sehen oder sie sind zu spät ausgestiegen oder in den    verkehrten Wagon eingestiegen. Das war also ein Fiasko.     
Die Geschichte hat eine kleine Pointe. Als es dann 20 Jahre später Kontakte zu Tupamaros gab, gab es    dann Kontakt zu Mauricia Rosenkof. Der hat dann nochmal unterstrichen, dass der ganze Film nach    seinen Angaben sehr realistisch, alles Tupamaro, echt gedreht worden ist und als er dann hörte, dass es    bei uns nicht geklappt hätte mit der U-Bahn und dem Bus, hat er sich schlapp gelacht, hat gesagt: „Das    war das Einzige, was Costa Gravas neu erfunden hat.“    
Ein früheres Mitglied der westdeutschen Stadtguerilla erklärt die Beziehungen zwischen Realität und    Fiktion.                                              13