Anmerkungen zu Turner "The Fall of an Avalanache in the Grisons", um 1810

„Die sinkende Sonne erglänzt in Abschiedstrauer
Fahl und unheilvoll durch den drohenden Sturm;
In dichten Wirbeln treibt der Schnee
Herab auf Schnee,
Bis die immense Last das Felsenband durchbricht
Und talwärts donnert, Kiefernwälder;
Auftürmende Gletscher mit sich reißt,
Das Werk von Jahrmillionen
Walzt alles mit sich nieder. Es folgt
Zerstörung,
Und die Müh des Menschen, seine Hoffnung – zunichte.“

Turners Gedicht (Übersetzung) zum Gemälde „The Fall of an Avalanache in the Grisons“ hing 1810 bei der ersten Präsentation neben dem Bild.

Na klar, als Skifahrer spricht mich ein Bild über den Abgang einer Lawine mehr an als die von Turner auf dem Wasser arrangierten Schiffskatastrophen. Doch erklärt dieser persönliche Bezug in keiner Weise die Attraktion, die dieses Bild aus der  aktuellen Turner-Ausstellung in Münster auf mich ausübt. Es ist auch nicht der wohlige Schauer (siehe Begriffsklärung unten), der einen überkommt, wenn man aus gesicherter Position und durch das Medium des Bildes gefiltert einer Naturkatastrophe zusieht. Aber worin liegt dann die Faszination dieses Bildes für mich?

Als Turner 1810 dieses Bild malt, ist er 35 Jahre alt und schon ein berühmter, erfolgreicher und anerkannter Künstler in England. Er ist 1802 auf seiner Bildungsreise durch Frankreich Richtung Italien in die Schweiz gereist und hat dort die besonderen Landschaftsformen der Alpen studiert. Aber vermutlich erst, nachdem er vom Tod von 25 Menschen durch eine Lawine bei Selva 1808 gelesen hat, beginnt er – wieder nach England zurückgekehrt – mit dem Gemälde.
Neben seinen in der Schweiz gemachten Skizzen sind sicherlich die motivgleichen Gemälde von de Loutherbourg, der sein Lehrer an der Royal Akademie im Fach Ölmalerei war, ein Bezugspunkt seines Bildes. Es bietet sich deshalb an, zwei entsprechende Bilder der beiden Künstler zu vergleichen, um das Besondere von Turners Gemälde zu erfassen.

Philippe-Jacques de Loutherbourg "An Avalanche in the Alps", 1803, Öl auf Leinwand, 109,9 x 160 cm

In beiden Bildern bahnt sich  – von rechts oben kommend – eine Lawine ihren zerstörerischen Weg ins Tal. Bei Loutherbourg gibt es aber einen felsigen Bildvordergrund, auf dem drei Personen mit pathetischen Gesten und ein Hund, der zu flüchten versucht, auf das Geschehen reagieren. Auf der  linken Bildhälfte sind die schroffen Felsen und z. T. gefährlich kippende Nadelbäume detailreich wiedergegeben. Die düsteren Wolken sind aufgebrochen, geben die Sicht auf eine Bergspitze  frei und ermöglichen eine dramatisch helle Spot-Beleuchtung der herabstürzenden Schnee- und Geröllmassen. Die Betrachterposition ist leicht oberhalb des das Tal abgrenzenden Felsvorsprungs, nicht genau lokalisierbar, aber auf jedem Fall in einer ungefährdeten Lage.

J. M.W. Turner "The Fall of an Avalanche in the Grisons", um 1810, Öl auf Leinwand, 90,2 x 120 cm

Turner setzt das gleiche Bildmotiv anders in Szene. Zwar bricht sich auch bei ihm von oben rechts diagonal eine Lawine ihren Weg ins Tal. Aber es gibt keinen sicheren Vordergrund mehr. Im Gegenteil: Der in die Mitte des Bildes diagonal aufragende Felsen scheint im nächsten Moment die unter ihm liegende Hütte zu  zermalmen. Dabei erinnert der auffällige Felsbrocken  an ein untergehendes Schiff,  dessen Rumpf sich vor dem endgültigen Untergang noch einmal aufrichtet. Doch nicht nur dieser Felsbrocken scheint von der Gewalt der Lawine erfasst worden zu sein, auch der Untergrund der Hütte ist, wie man an ihrer Schrägstellung erkennen kann, wellenartig in Bewegung geraten, aufgebrochen, sodass es  im Bild keinen festen Boden mehr gibt. Ein in seiner Flugbahn unkalkulierbarer Felsbrocken sowie der Standort des Betrachters, der nahe der betroffenen Hütte zu verorten ist, verstärken den Eindruck  der Instabilität und des Bedrohtseins. Hinzu kommt, dass hinter dem nur am unteren Bildrand knapp angedeuteten Vordergrund eine genauere Erfassung örtlicher Zusammenhänge kaum möglich ist. Die herabstürzenden Schneemassen haben sich mit dem Grau-Blau der Wolken, dem von oben links kommenden Regen, dem Licht und  den Felsbrocken zu einer zerstörerischen Woge verbunden. Zwar deutet die linke Bildhälfte eine gewisse räumliche Tiefe an, zumal am  Horizont das Licht der untergehenden Sonne erahnbar ist, aber ob die Landschaft im Mittelgrund  ein Tal oder eine aufgewühlte See ist, bleibt unklar. Insgesamt erinnert vieles in Turners  Lawinenabgang an ein aufgewühltes  Meer bei stürmischem Wetter, obwohl die im Titel gemachten Lokalangaben das Bild eindeutig den Alpen zuordnet. Statt um Detailgenauigkeit geht es Turner um die Vermittlung eines atmosphärischen vom Licht dominierten Gesamteindruckes.

Insgesamt ist der Betrachter bei Turner  im Vergleich zu Loutherbourg näher mit dem Geschehen konfrontiert, wodurch sich der Eindruck der Gefahr, des Horrors, verstärkt. Nach der Theorie von Burke (s. unten: Begriffsklärung) sollte sich  der  Betrachter bei aller Empathie doch seines Ungefährdet-Seins bewusst sein, sodass mit dem Horror vor der Gefahr auch ein wohliges Gefühl („delight“), der Gefahr nur fiktiv ausgesetzt zu sein, einhergeht.

Mein Eindruck vor dem Bild war allerdings ein anderer. Ich spürte einen Widerstand gegen das Spiel mit Horror und Delight.  Der Verzicht auf eine klare perspektivische Staffelung, die Betonung der diagonalen Kompositionselemente  sind schon angesprochen worden. Doch reichen weder diese Beobachtungen noch das Fehlen der bei Loutherbourg angebotenen Identifikationsfiguren im Vordergrund, um meinen Widerstand gegen ein genussvolles Betrachten zu erklären. Nein, entscheidend für meine distanzierte und gleichzeitig angezogene Rezeption ist die Art und Weise, wie das Bild gemalt wurde. Ich meine damit v.a. die groben Pinselspuren, die einen flüchtigen und schnellen Farbauftrag vermuten lassen.  Auf der rechten Bildhälfte entsteht des Weiteren der Eindruck, dass der Maler die Ölfarbe zum Teil wieder abgekratzt hat, so dass die Struktur der Leinwand stellenweise sichtbar wird. Mich erinnerte dieser aggressive Malakt mit dem Palettenmesser, der sogar reliefartige Stellen erzeugt, an das Abbrechen von Schneebrettern oder das Schrappen von Skiern über vereiste Flächen. Die Oberflächenstruktur des  Bildes verrät mir, dass der Maler nicht darauf abzielt, mit möglichst großer Detailtreue einen fotorealistischen Eindruck der Szene zu erzeugen, sondern seine Intention ist es, ein malerisches Pendant zu den Auswirkungen einer gewaltigen Lawine bzw. eines Schneesturmes zu gestalten. Durch die verwendete Maltechnik und Komposition sowie den Verzicht auf alle figurativen Erzählmomente vermag Turner mir eine Vorstellung von den ungeheuerlichen Kräften einer Lawine zu geben. Ihm gelingt dies mittels seiner expansiven und innovativen Nutzung einer formauflösenden Ölmaltechnik. Turners besondere Art der Transformation des bedrohlichen  Naturschauspiels in ein Ölgemälde verhindert meine naive Empathie, den billigen Voyeurismus, denn der Malakt selber wird zum Thema des Bildes. Und genau darin liegt m. E. das Moderne von Turner: dass sich seine Bilder nicht in der Zubereitung von Horror und Delight erschöpfen, sondern durch die Betonung des Schaffensprozesses eine neue Reflexionsebene hinzugewinnen.

Andererseits ist Turner, entgegen manchen Behauptungen, kein Vorläufer der Impressionisten. Er will mit seinen Katastrophen-Bildern (die vorwiegend in den Bergen oder auf dem Meer spielen) dem Betrachter die Begegnung mit den ungeheuren Kräften der Natur ermöglichen. Der Mensch erfährt sich in diesen Situationen als klein und nicht mehr in der Funktion des Alles-Beherrschers.

 Zu Anfang des 19. Jahrhunderts verhandeln die Romantiker, zu denen Turner zu rechnen ist, neu die Position des Menschen im Angesicht der aufkommenden Industrialisierung und Urbanisierung, der philosophischen Umbrüche, der Entdeckungen des Unbewussten usw. Und diese künstlerische Haltung, die die radikalen Umbrüche und Verunsicherungen der Zeit spiegelt,  ist in ihrer Ernsthaftigkeit und Betroffenheit meilenweit entfernt von den Intentionen der Impressionisten, ganz abgesehen von den unterschiedlichen Methoden bei der Verwendung der Farben, die bei den Impressionisten ja eher mit schnellen Pinselstrichen locker nebeneinandergesetzt werden.

 Vielleicht ist es ja gerade das In-Frage-Stellen der Position des Menschen v.a. auch gegenüber Natur, worin die Aktualität von Turner zu suchen ist und die mich zu einem Bewunderer nicht nur dieses Bildes werden lässt.

Begriffsklärung:

Im Zusammenhang mit der Bildwelt von Turner wird gerne von der Erfahrung des Erhabenen (sublime) gesprochen. Diese von Edmund Burke begründete Begrifflichkeit gewinnt in der ästhetischen Diskussion im England des 19. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung. Seine berühmte Untersuchung „A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful” von 1757  versucht das Erhabene von dem Schönen zu unterscheiden. In einer ziemlich krausen geschlechterorientierten Unterscheidung wird das Erhabene, also das Wilde, Gewaltsame, Aufwühlende, Bedrohliche dem männlichen Geschlecht und das Schöne, Glatte, Feine, Kleine, Beschreibbare, Beruhigende dem weiblichen Geschlecht zugeordnet. Da in der Kunst die Darstellung des Erhabenen aber immer in der fiktiven Distanz stattfindet, empfinde der Betrachter entsprechenden Kunstwerken (z.B. von Turner) neben dem Horror auch ein Vergnügen („delight“), einen wohligen Schauer.

Die Übernahme der Begrifflichkeit „Horror und Delight“ als Ausstellungstitel läuft allerdings Gefahr unterkomplex wahrgenommen zu werden, so als ob Turner einerseits Horrorbilder über Natur- und Schiffskatastrophen  und andererseits Vergnügungsbilder, z. B. beim Anblick von Venedig, gestaltet hätte.

Die Ausstellung „Turner. Horror and Delight“ im LWL-Museum Münster endet schon am 26.01.2020!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Michael Schilling

    Weniger der Lawinensturz fasziniert mich, sondern dass ich Spätwerke von Turner mit Spätwerken von Graubner vergleichen und sie lange
    betrachten und auf mich einwirken lassen könnte.

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