von Lothar Adam

This is the Future / Power Plants, 2019

This is the Future: 16:00 Min., Videoinstallation,
Environment: Einkanal-HD-Video, Farbe, Ton

Power Plants: Mehrkanal-HD-Video, Farbe, Loop

Die zweiteilige Installation setzt sich mit der (Un-)Fähigkeit von Zukunftsprognosen durch Künstliche Intelligenz auseinander und rückt die Heils versprechen von Maschinellem Lernen in die Nähe von Magie und Alchemie. Im Hauptfilm stellt sich eine weibliche Stimme als neuronales Netzwerk vor, das unablässig die Zukunft vorausberechnet. Die Erzählerin berichtet wiederum von der Kurdin Hêja, die im Gefängnis saß und einen Garten in der Zukunft anlegte. Dort züchtete sie Pflanzen mit magischer Wirkung und Heilkraft. Begleitet wird die Erzählung von einem Strom sich permanent überschreibender, kaleidoskopischer Bilder, die immer schon die folgenden Bilder vorwegzunehmen scheinen. 

Mit „This is the Future“ wirft Steyerl zahlreiche essentielle Fragen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz auf. Welchen Nutzen haben vermeintlich allwissende Algorithmen, welche die Zukunft berechnen können, nicht jedoch die Gegenwart? Wie verlässlich sind Prognosen, die sich auf Daten aus der Vergangenheit stützen? Welche Gefahr geht von Algorithmen aus, die entwickelt wurden, um den Wuchs von Wäldern vorherzubestimmen, die jedoch auch zur Vorhersage von Rebellionen und Selbstmordraten genutzt werden können? Der zweite Bereich der Installation zeigt „Power Plants“: Acht Monitore zeigen farbenprächtige, ineinander fließende Pflanzen, die von Künstlicher Intelligenz generiert wurden. Programmiert, um die Zukunft zu berechnen, entwerfen die neuronalen Netzwerke auf der Grundlage des aktuellen Videobildes das folgende Einzelbild und so fort. In diesem Sinne sagen die Pflanzen also ihre eigene Zukunft voraus – in exakt 0,04 Sekunden (bei 24 Einzelbildern pro Sekunde). Der Titel „Power Plants“ spielt mit der Mehrdeutigkeit der englischen Begriffe „power“ (Macht / Strom) beziehungs- weise „power plant“ (Kraftwerk / Power-Pflanzen). Er verweist auf die Voraussetzung für digitale Technologie (Strom), die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse, die unsere Lebenswelt prägen, sowie auf die Bedeutung des Ökosystems für den Erhalt der Lebensgrundlagen. In Steyerls Zukunftsszenario ist es die Vegetation, die sich die verwüsteten Brachen der menschlichen Zivilisation aufs Neue aneignet und ihre Kraft entfaltet. 

„Power Plants“ wird durch die Augmented Reality-App PowerPflanzenOS erweitert, die über den App Store oder Google Play kostenlos auf das eigene Smartphone (iPhone ab iOS 11.0, Android ab 7.0) heruntergeladen werden kann.  (Der letzte Absatz bezieht sich auf die Ausstellung im K21./ L.A.)

How Not to Be Seen: A Fuckin Didactic Educational . MoV file

15:52 Min.
Ein-Kanal-HD-Video, Farbe, Ton, Architektur-Environment 

„How Not To Be Seen” (Wie man nicht gesehen wird) aus der britischen Comedy-Sendung Monty Python’s Flying Circus von 1970 diente Steyerl als Inspiration zu ihrem gleichnamigen Film. In der britischen Variante wird eine Person nach der anderen in einer Landschaft aus der Deckung gelockt und durch Schüsse zu Tode und damit zum Verschwinden gebracht. In ihrer Satire spielt Steyerl in fünf Lektionen Strategien durch, wie man sich vor dem Hintergrund der massenhaften Erfassung von Daten und visueller Überwachung unsichtbar machen kann. Um zu verschwinden, rät sie etwa zu Camouflage-Techniken, Verpixelung oder schlägt vor, sich selbst zum Bild zu machen. Als verschwunden deklarierte Staatsfeinde, Frauen über 50 oder Menschen, die in sogenannten Gated Communities (umzäunten Wohnanlagen) leben, hätten ebenfalls gute Chancen, nicht entdeckt zu werden. 

Steyerl tritt in einer Mischung aus Dozentin und Zauberin auf, die zur Veranschaulichung der vorgetragenen Thesen Schautafeln sowie analoge und digitale filmische Effekte nutzt. Der überzogen schulmeisterliche Ton des Erzählers unterstreicht den vermeintlich didaktischen Charakter der Lektionen. Zentrales Element im Film wie im Ausstellungsraum sind weiße Liniensysteme auf schwarzem Grund. Sie verweisen auf riesige Bodenmarkierungen in der kalifornischenWüste, die von der US-amerikanischen Air Force zwischen 1951 und 2006 verwendet wurden, um die Kameras ihrer Flugzeuge und Satelliten zu kalibrieren. Heute, so zeigen Steyerls Filmaufnahmen, ist der reale Ort dem Verfall preisgegeben.  nzwischen existieren exaktere digitale Möglichkeiten, um die Schärfe von Überwachungsbildern zu justieren. 

Auszüge aus dem Newsletter vom 11.12.2020

Wer ist Hito Steyerl?

Geboren 1966 in München, lebt und lehrt sie heute in Berlin als Professorin an der Universität der Künste. Sie studierte Dokumentarfilmregie am Japan Institute of Moving Image in Kanagawa und an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Sie war einer der Vertreter*innen des Deutschen Pavillons auf der Biennale 2015 in Venedig und nahm an verschiedenen Gruppenausstellungen teil, zum Beispiel der Documenta 12 in Kassel (2007) und der Istanbul Biennale (2013).
In ihren Essayfilmen und raumgreifenden Videoinstallationen untersucht sie die Politik der Bilder, hinterfragt die ihnen eingeschriebenen Machtmechanismen, beleuchtet politische Konflikte, den gesellschaftlichen Wandel in unserer technologisierten Gesellschaft und die Funktionsweise des Kunstmarktes.
Ihre spezifische Vorgehensweise, die Kopplung von sauber Recherchiertem mit Fiktionalem, führt beim Betrachter durch die Verknüpfung unterschiedlichster Realitätsbezüge zu überraschenden Erkenntnissen. Mit Hilfe von Ironie, Satire und durch eine ausgesprochen sympathische Vortragsrhetorik kommt ihre Gesellschaftskritik ohne den gehobenen Zeigefinger aus. In ihren Arbeiten bezieht Hito Steyerl modernste Technologien  (Computerspiele, Künstliche Intelligenz, Zukunftsprognosen auf der Grundlage von Algorithmen usw.) genauso mit ein wie den klassischen Vortrag an einem Rednerpult. Insgesamt sind ihre multidimensionalen Reportagen / Geschichten ein faszinierender Genuss.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar