von Lothar Adam

Alle Texte (inklusiv der Übersetzungen) sind der Pressemappe des Museums K21, Düsseldorf anlässlich der Ausstellung „Hito Steyerl / I Will Survive 26.9.2020 – 10.1.2021“ entnommen.

Is the Museum a Battlefield? 2013

Zwei-Kanal-Digitalvideo, Farbe, Ton 39:53 Min.

Diese Arbeit wurde erstmals auf der Istanbul-Biennale 2013 als Live-Vortrag präsentiert. Zwei Jahre zuvor wurden in einem Massengrab in Çatak, einer Stadt im kurdischen Südosten der Türkei, die Überreste von Andrea Wolf gefunden. Neun Jahre nach „November“, dem ersten Film über ihre Freundin, stellt Steyerl die Frage: Woher stammt die Kugel, die Andrea tötete? Das in den Vortrag integrierte Video „Abstract“ von 2012 bildet den Leitfaden. Auf einem geteilten Bildschirm ist auf der einen Seite ein ehemaliges Schlachtfeld in den Bergen von Çatak zu sehen, auf der anderen der Satz „This is a shot“. Steyerl greift hier die Doppeldeutigkeit des englischen Begriffs „shot“ (Schuss/Aufnahme) auf: Sie „schießt“ eine Filmaufnahme des Ortes, an dem ihre Freundin Andrea erschossen wurde. In Berlin steht die Künstlerin vor der Firmenzentrale des Rüstungsunternehmens Lockheed Martin. Es produziert Geschosse, die Steyerl auf dem Schlachtfeld bei Çatak gefunden hat. Auch das, mit dem Andrea Wolf getötet wurde? Steyerl listet im Folgenden eine Reihe von Rüstungsfirmen auf, die ihre Museumsausstellungen finanziert haben, darunter Lockheed Martin. Eine Einblendung informiert, dass während ihres Vortrags paramilitärische Akrep-Polizeifahrzeuge vor der Tür patrouil- lieren. Sie wurden vom Sponsor der Istanbul-Biennale hergestellt, in deren Rahmen Steyerl die Frage aufwirft: Ist das Museum ein Schlachtfeld? Museum und Kunstmarkt, so die Schlussfolgerung, sind tief verstrickt in Gewalt, Geld und Macht. Oligarchen, die von Privatisierung, Kriegen und Konflikten profitieren, legen ihr Geld in Kunstwerke an. Museen und Biennalen bieten Sponsoren eine Plattform, um sich als Kulturförderer präsentieren zu können. 

Um das Video und die Übersetzung gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen:  1. Klicke mit der rechten Maustaste auf das weiße Logo „vimeo“ und wähle „Link in neuen Fenster öffnen“. 2. Klicke mit rechter Maustaste auf „Übersetzung“, wähle wieder „Link in neuen Fenster öffnen“ und verkleinere die entstandenen Bildschirmfenster (ganz oben rechts das Quadrat anklicken), bis Film und Text nebeneinander passen. Diese aktuelle Seite kann dabei aus Übersichtsgründen minimiert werden (oben rechts der waagerechte Balken). 

November, 2004

25:19 Min. Ein-Kanal-Digitalvideo, Farbe, Ton  
In „November“ geht Hito Steyerl den medialen Bildern ihrer Jugendfreundin Andrea Wolf nach, die sich der kurdischen PKK anschloss und 1998 im Kampf gegen die türkische Armee ums Leben kam. Im Laufe des Films erscheint Wolf in drei unterschiedlichen Rollen: Als Anführerin einer Mädchen-Gang in einem feministischen Martial-Arts-Film, den Steyerl als 17-Jährige in Bayern drehte. Als Untergrundkämpferin der „FreeWomen’s Army Kurdistan“ in einem Fernsehinterview aus den 1990er Jahren. Und als Şehît Ronahî, so Wolfs kurdischer Codename, deren Bild auf den Plakaten demonstrierender Kurden durch deutsche Straßen getragen wird. „November“ beschäftigt sich mit der Verkehrung von Fiktion und Realität: Während in dem frühen Super-8-Film drei junge Heldinnen (darunter Wolf und Steyerl) eine ganze Reihe bewaffneter Männer verprügeln und nur die Schauspielerin Wolf überlebt, kommt die PKK-Kämpferin Wolf im realen Leben durch Waffengewalt ums Leben und wird zu einer Ikone der kurdischen Freiheitsbewegung. Der Film denkt jedoch auch nach über die sich wandelnde Bedeutung von Bildern und deren Nachleben als „travelling images“ (reisende Bilder), wie Steyerl sie bezeichnet. Auch ihr eigenes Bild gerät ins Wanken, als Steyerl sich bereit erklärt, den Platz hinter der Kamera zu verlassen, und sich unverhofft in einer Fernsehreportage in den Reihen demonstrierender Kurdinnen und Kurden wiederfindet. 

Um das Video und die Übersetzung gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen: Klicke mit rechter Maustaste jeweils auf das blaue  „Auf Vimeo ansehen!“ und auf „Übersetzung“, wähle jeweils „Link in neuen Fenster öffnen“ und verkleinere die beiden entstandenen Bildschirmfenster.

This is the Future / Power Plants, 2019

This is the Future: 16:00 Min., Videoinstallation,
Environment: Einkanal-HD-Video, Farbe, Ton

Power Plants: Mehrkanal-HD-Video, Farbe, Loop

Die zweiteilige Installation setzt sich mit der (Un-)Fähigkeit von Zukunftsprognosen durch Künstliche Intelligenz auseinander und rückt die Heils versprechen von Maschinellem Lernen in die Nähe von Magie und Alchemie. Im Hauptfilm stellt sich eine weibliche Stimme als neuronales Netzwerk vor, das unablässig die Zukunft vorausberechnet. Die Erzählerin berichtet wiederum von der Kurdin Hêja, die im Gefängnis saß und einen Garten in der Zukunft anlegte. Dort züchtete sie Pflanzen mit magischer Wirkung und Heilkraft. Begleitet wird die Erzählung von einem Strom sich permanent überschreibender, kaleidoskopischer Bilder, die immer schon die folgenden Bilder vorwegzunehmen scheinen. 

Mit „This is the Future“ wirft Steyerl zahlreiche essentielle Fragen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz auf. Welchen Nutzen haben vermeintlich allwissende Algorithmen, welche die Zukunft berechnen können, nicht jedoch die Gegenwart? Wie verlässlich sind Prognosen, die sich auf Daten aus der Vergangenheit stützen? Welche Gefahr geht von Algorithmen aus, die entwickelt wurden, um den Wuchs von Wäldern vorherzubestimmen, die jedoch auch zur Vorhersage von Rebellionen und Selbstmordraten genutzt werden können? Der zweite Bereich der Installation zeigt „Power Plants“: Acht Monitore zeigen farbenprächtige, ineinander fließende Pflanzen, die von Künstlicher Intelligenz generiert wurden. Programmiert, um die Zukunft zu berechnen, entwerfen die neuronalen Netzwerke auf der Grundlage des aktuellen Videobildes das folgende Einzelbild und so fort. In diesem Sinne sagen die Pflanzen also ihre eigene Zukunft voraus – in exakt 0,04 Sekunden (bei 24 Einzelbildern pro Sekunde). Der Titel „Power Plants“ spielt mit der Mehrdeutigkeit der englischen Begriffe „power“ (Macht / Strom) beziehungs- weise „power plant“ (Kraftwerk / Power-Pflanzen). Er verweist auf die Voraussetzung für digitale Technologie (Strom), die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse, die unsere Lebenswelt prägen, sowie auf die Bedeutung des Ökosystems für den Erhalt der Lebensgrundlagen. In Steyerls Zukunftsszenario ist es die Vegetation, die sich die verwüsteten Brachen der menschlichen Zivilisation aufs Neue aneignet und ihre Kraft entfaltet. 

„Power Plants“ wird durch die Augmented Reality-App PowerPflanzenOS erweitert, die über den App Store oder Google Play kostenlos auf das eigene Smartphone (iPhone ab iOS 11.0, Android ab 7.0) heruntergeladen werden kann.  (Der letzte Absatz bezieht sich auf die Ausstellung im K21./ L.A.)

Um das Video und die Übersetzung gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen: 1. Klicke auf den mittigen Startbutton des Films und 2. auf  „Übersetzung“ mit der rechten Maustaste, wähle dann „Link in neuen Fenster öffnen“ und verkleinere das Bildschirmfenster der Übersetzung (ganz oben rechts das Quadrat anklicken).

How Not to Be Seen: A Fuckin Didactic Educational . MoV file

15:52 Min.
Ein-Kanal-HD-Video, Farbe, Ton, Architektur-Environment 

„How Not To Be Seen” (Wie man nicht gesehen wird) aus der britischen Comedy-Sendung Monty Python’s Flying Circus von 1970 diente Steyerl als Inspiration zu ihrem gleichnamigen Film. In der britischen Variante wird eine Person nach der anderen in einer Landschaft aus der Deckung gelockt und durch Schüsse zu Tode und damit zum Verschwinden gebracht. In ihrer Satire spielt Steyerl in fünf Lektionen Strategien durch, wie man sich vor dem Hintergrund der massenhaften Erfassung von Daten und visueller Überwachung unsichtbar machen kann. Um zu verschwinden, rät sie etwa zu Camouflage-Techniken, Verpixelung oder schlägt vor, sich selbst zum Bild zu machen. Als verschwunden deklarierte Staatsfeinde, Frauen über 50 oder Menschen, die in sogenannten Gated Communities (umzäunten Wohnanlagen) leben, hätten ebenfalls gute Chancen, nicht entdeckt zu werden. 

Steyerl tritt in einer Mischung aus Dozentin und Zauberin auf, die zur Veranschaulichung der vorgetragenen Thesen Schautafeln sowie analoge und digitale filmische Effekte nutzt. Der überzogen schulmeisterliche Ton des Erzählers unterstreicht den vermeintlich didaktischen Charakter der Lektionen. Zentrales Element im Film wie im Ausstellungsraum sind weiße Liniensysteme auf schwarzem Grund. Sie verweisen auf riesige Bodenmarkierungen in der kalifornischenWüste, die von der US-amerikanischen Air Force zwischen 1951 und 2006 verwendet wurden, um die Kameras ihrer Flugzeuge und Satelliten zu kalibrieren. Heute, so zeigen Steyerls Filmaufnahmen, ist der reale Ort dem Verfall preisgegeben.  nzwischen existieren exaktere digitale Möglichkeiten, um die Schärfe von Überwachungsbildern zu justieren. 

Um das Video und die Übersetzung gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen: 1. Klicke auf den mittigen Startbutton des Films und 2. auf  „Übersetzung“ mit der rechten Maustaste, wähle dann „Link in neuen Fenster öffnen“ und verkleinere das Bildschirmfenster der Übersetzung (ganz oben rechts das Quadrat anklicken).

Auszüge aus dem Newsletter vom 11.12.2020

Wer ist Hito Steyerl?

Geboren 1966 in München, lebt und lehrt sie heute in Berlin als Professorin an der Universität der Künste. Sie studierte Dokumentarfilmregie am Japan Institute of Moving Image in Kanagawa und an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Sie war einer der Vertreter*innen des Deutschen Pavillons auf der Biennale 2015 in Venedig und nahm an verschiedenen Gruppenausstellungen teil, zum Beispiel der Documenta 12 in Kassel (2007) und der Istanbul Biennale (2013).
In ihren Essayfilmen und raumgreifenden Videoinstallationen untersucht sie die Politik der Bilder, hinterfragt die ihnen eingeschriebenen Machtmechanismen, beleuchtet politische Konflikte, den gesellschaftlichen Wandel in unserer technologisierten Gesellschaft und die Funktionsweise des Kunstmarktes.
Ihre spezifische Vorgehensweise, die Kopplung von sauber Recherchiertem mit Fiktionalem, führt beim Betrachter durch die Verknüpfung unterschiedlichster Realitätsbezüge zu überraschenden Erkenntnissen. Mit Hilfe von Ironie, Satire und durch eine ausgesprochen sympathische Vortragsrhetorik kommt ihre Gesellschaftskritik ohne den gehobenen Zeigefinger aus. In ihren Arbeiten bezieht Hito Steyerl modernste Technologien  (Computerspiele, Künstliche Intelligenz, Zukunftsprognosen auf der Grundlage von Algorithmen usw.) genauso mit ein wie den klassischen Vortrag an einem Rednerpult. Insgesamt sind ihre multidimensionalen Reportagen / Geschichten ein faszinierender Genuss.

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