Analyse von Paula Modersohn-Becker: Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut

Eine Begegnung

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Paula Modersohn-Becker, Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut, 1904, Öl auf Leinwand, 27 x 33 cm, Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal

Das Bild von Paula Modersohn-Becker ist überraschend klein. Aber wieso hat  man ein größeres Gemälde erwartet? Liegt es allein daran, dass Ausstellungsplakate, Flyer, Internetauftritt usw. das Bild vergrößern  bzw. ohne Maßstab für den Betrachter darbieten? Es ist, glaube ich, v.a. die auffällige Nähe des Betrachters zum Mädchenkopf, der fast aus dem Rahmen des Bildes herauszutreten scheint. Im Zeitalter digitaler Medien sind wir es gewohnt, dass das Besondere marktschreierisch und affekthascherisch betont und vergrößert wird. Man denke etwa an die Porträts von Warhol. Die Malerin reduziert mit dem gewählten Format aber die Provokation des heraustretenden Kopfes und gibt dem Bild mit dieser Zurücknahme etwas Diskretes und Intimes zurück.

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Die großen, offenen blauen Augen schauen den Betrachter direkt an: mit Selbstbewusstsein und vielleicht sogar ein wenig keck –  mit dem Strohhut und dem Kragen, über den das blonde offene Haar sich ergießt. Mir scheint, dass das Mädchen, das sich in einer Bewegung zum linken Bildrand befindet, innehält und den Kopf mir zuwendet. Sie erwidert meinen Blick!

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Doch weiß ich die ganze Zeit, dass das Bild nicht eine reale Wirklichkeit abbilden will. V.a. die Spuren des Farbauftrages verweisen auf die Künstlichkeit der Bildwelt, die bewusst in keinem Bilddetail mit der Abbildgenauigkeit einer Farbfotografie konkurrieren will.

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Doch woraus besteht die fiktive Welt des Mädchens? Einen schmutzig blauen Himmel, einen dunklen Boden und am rechten Bildrand – im Hintergrund des Mädchens – lässt sich ein helles Tier verschwommen erahnen. Ein Pferd, eine Kuh, ein Einhorn? Ist es die kindliche Märchenwelt, die das Mädchen in seiner Entwicklung hinter sich gelassen hat, oder einfach nur ein Hinweis auf die dörfliche Welt, aus der das Mädchen stammt? Der Betrachter ist aufgefordert, selber diese Frage zu beantworten. Und da mich das Mädchen mit seinem selbstbewussten Blick, seinem angenehmen äußeren Erscheinen erfreut und da Fragen des Aufbruchs, der Entwicklung, der Selbstfindung auch mich bewegen bzw. bewegt haben, ist es mir ein Vergnügen, vor diesem Bild auf diese Fragen zu antworten. 

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Kontext 1: Bereicherung

Auf den Ausstellungsplakaten und bei allen Hinweisen auf die Ausstellung steht das Bild im Kontext des Namens der Künstlerin und der Ergänzung: „zwischen Worpswede und Paris“. Vielleicht verführt der Name neben oder unterhalb des Bildes für einen Moment  den Betrachter sogar dazu, in dem Mädchen ein Selbstporträt zu vermuten. Vielleicht taucht die Frage auf, was das Modell, mit der Unterstellung, dass es ein solches überhaupt  gegeben hat, mit der Künstlerin zu tun hatte. Kannten sich Modell und Künstlerin gut?

Auf jeden Fall rufen die Ortsangaben dem Betrachter die unterschiedlichen Kunststile und Persönlichkeiten in den Sinn, deren Einfluss in diesem Gemälde wiederzufinden sind. Erahnbar ist auch die Konzeption der Ausstellung,  die mittels Gemälden und Persönlichkeiten, die die Künstlerin  beeinflusst haben, deren malerische Entwicklung nachzeichnet.Diese Aspekte bereichern v.a. um formale Ausdrucksmittel den Fragehorizont, der das Bild selbst – siehe oben – aufspannt.

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Der folgende Wandtext befindet sich links neben dem Bild „Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut“:

„Trennung von Worpswede

In den Tagen vor ihrem 30. Geburtstag plant Paula Modersohn-Becker ihren vierten Paris-Aufenthalt. In Worpswede ist sie unglücklich, denn dort fehlt ihr die Inspiration, die sie braucht, um selbst eine – nach ihren Vorstellungen – „gute Malerin“ zu werden. Außerdem wünscht sie sich ein Kind, das sie, so ihre Einsicht nach fünf unerfüllten Ehejahren, zur Not auch allein großziehen würde. Beides hat sie sich für ihr neues Lebensjahrzent fest vorgenommen. Sie fasst den Entschluss, sich von ihrem Mann zu trennen  .… „

2. Kontext – Irritation

Direkt neben dem Bild sind Informationen an die Wand geschrieben, die sich nicht auf diesen Raum beziehen, sondern den kommenden der chronologischen Ausstellung  vorbereiten, aber leider durch die räumliche Nähe zu dem Bild mit dem Mädchenkopf  auch auf dieses bezogen werden könnten. Obwohl ich mir bewusst machte, dass der Text sich auf die Zeit um 1906 bezieht, das Bild aber 1904 gemalt worden ist, sah ich plötzlich in dem  kleinen Mädchen eine junge Frau auf dem Weg zum Bahnhof Worpswerde,  um vor einem unzufriedenen Leben mit ihrem Mann in Richtung Paris zu fliehen.

Und nur mit Mühe gelang es mir nach einer Weile, diese Vorstellung wieder zurückzudrängen und sich erneut auf die attraktive Vieldeutigkeit des Bildes einzulassen.

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