Francis Alys "Sunpath" und "Cuentos Patrioticos" vorgestellt

In der Mitte der Megametropole Mexiko-Stadt liegt der Platz Zócalo. Er ist Schauplatz für zwei beeindruckende Videoinstallationen von Francis Alÿs.

Über diesen Platz sollte man Folgendes wissen:

Er bildet als ein politisch repräsentativer und historisch relevanter Ort einen zentralen Knotenpunkt der Stadt. An den Platz angrenzend befinden sich neben dem Sitz des Präsidenten und dem Rathaus die Überreste des aztekischen Tempels Templo Mayor und daneben gleich die Catedral Metropolitana. Mexiko-Stadt wurde im 16. Jahrhundert als Hauptstadt Neu-Spaniens auf der zerstörten aztekischen Stadt Tenochtitlán errichtet. Beim Wiederaufbau orientierten sich die spanischen Architekten am bereits vorhandenen Stadtgrundriss und an dessen zentraler Ausrichtung.

Nach der mexikanischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Platz zum zentralen Ort der Demonstration von  Staatsmacht, wovon unter anderem die neokoloniale Architektur zeugt. Das historische Zentrum, in dem sich der Zócalo befindet, galt bis in die 50er Jahre als Vergnügungsviertel mit einem lebendigen Nachtleben, das schließlich verdrängt wurde. So wurde auch der auf dem Zócalo angelegte Garten entfernt und durch eine graue Betonfläche ersetzt. Der Platz gilt heute als unwirtlicher Ort, der den Städter*innen weder Schattenplätze noch Sitzgelegenheiten spendet. In seiner Mitte befindet sich ein riesiger Fahnenmast.

Wissen muss man auch, dass der Künstler auf ein bestimmtes historisches Ereignis Bezug nimmt: 1968 kommt es auf dem Platz zu Studentenprotesten. Während jener studentischen Kundgebung organisierte die Regierung eine Gegendemonstration, wozu sie Beamte auf den Platz orderte. Die Beamten richteten sich jedoch in einer spontanen Aktion mit dem Rücken gegen das Regierungsgebäude und begannen wie Schafe zu blöken.

Zócalo, May 22, 1999 (Filmstill) In Zusammenarbeit mit Rafael Ortega, Mexico City Dauer: Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang
  1. Videoprojekt „Sunpath“

Francis Alÿs beobachtet in dem Videoprojekt „Sunpath“, wie die Menschen auf dem zentralen Platz zu verschiedenen Tageszeiten die unwirtliche Architektur des Platzes nutzen: Sie formieren sich zu Reihen, um den Schlagschatten des Mastes als Sonnenschutz zu nutzen. Wenn allerdings der Schatten der gehissten Fahne von Mexico unruhig über diese „Schattenreihe“ hin und her flattert, dann beeindruckt das die ruhig stehenden oder sitzenden Menschen nicht. Sie ignorieren das unbeständige  Macht- und Repräsentationssymbol.

Die Videosequenz könnte mit ihrer Graulastigkeit von einer offiziellen Überwachungskamera stammen. Zu diesem dokumentarischen Eindruck tragen auch die Straßengeräusche bei. Die nachträgliche Bearbeitung wird nicht nur an den Schnitten, sondern auch an der zarten Farbgebung deutlich. Insgesamt fordert die distanzierte Aufsicht, die den Kontrast zwischen dem den Platz umgrenzenden Autoverkehr und den ruhig stehenden und schlendernden Fußgängern betont, vom  Museumsbesucher eine entschleunigte und genaue Beobachtung. Der Platz wird in dem Video zu einer Bühne, auf der die Bewohner der Stadt ein kleines heiteres „Schattenballett“ aufführen, wodurch sie unter Beweis stellen, dass sie gewillt sind, den Platz entsprechend ihrer Bedürfnisse zumindest teilweise in Besitz zu nehmen.

  1. Videoprojekt „Cuentos Patrioticos“

Als ich letzten Samstag den Raum mit der Videoarbeit „Cuentos Patrioticos“ (vielleicht übersetzbar als „patriotisches Märchen“) betrat, folgten auf der Leinwand gerade mehrere Schafe einem Führer und einem Leithammel und gingen im Kreis um den Fahnenmast auf dem Zócalo. (Diese Szene spielt  ungefähr in der Mitte des 25 Minuten langen Videos von 1999). Das Geschehen wirkte nicht nur wegen des schwarz-weißen Aufnahmeformats recht trostlos auf mich. Verstärkt wurde mein Eindruck durch die geometrischen Binnenformen des Bildausschnitts:  das durch die Schafe und ihren Führer gebildete Oval in der Bildmitte wird von  zwei schwarzen Geraden (dem Mast und seinem Schatten) durchschnitten. Ein mechanisches, permanentes Schrappen, zu dem sich in größeren Abständen ein Glockenschlag gesellte, war zu hören. Was für eine surreale Situation, die mir in ihrer symbolischen Bedeutung sofort einleuchtete. Ohne Fortschritt werden Schafe im Kreis geführt, sie folgen einfach dem Vorgänger, werden zu  Hinterherläufern/Mitläufern, als einer entschieden vorweggeht.  Die Glockenklänge könnten auf religiöse Verblendungszusammenhänge verweisen.  

Eigener Filmstill

Ich möchte an dieser Stelle nicht mehr über das Video verraten, nur so viel: nichts bleibt, wie es ist.

Wer einen kleinen Einblick in das Video haben möchte,- kann sich hier meinen kurzen Mitschnitt ansehen:

Auf YouTube ist unter der Eingabe:  „Francis Alÿs Cuentos Patrioticos“ das komplette Video abrufbar.

Francis Alÿs. The Private View –
Werke aus deutschen Sammlungen
22. September 2019 bis 5. Januar 2020

Museum Morsbroich
Gustav-Heinemann-Str. 80
51377 Leverkusen
www.museum-morsbroich.de

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