Gespräch bei einem Gang durch die aktuelle Fotoausstellung
von Laurenz Berges

Prof. Dr. Klaus-Peter Busse und Lothar Adam

Busse: Auffällig beim Betreten der Ausstellung ist sofort der ästhetische Zugriff auf die Stadtlandschaft Duisburg. Berges komponiert seine Bilder bewusst und nachvollziehbar. Wie authentisch sind dabei diese Fotografien im Hinblick auf den Darstellungsgegenstand? Laurenz Berges fotografiert  eine Stadt, die, wie Roland Barthes (französischer Philosoph, Schriftsteller und Literaturkritiker/L.A.) sagen würde, mit Alltagsmythen über das Ruhrgebiet vollgepackt ist. Schimanski ist dafür nur ein Beispiel.
Ist Berges in der Lage, diese Stadt jenseits von diesen Mythen abzubilden, also diese Mythen zu zerstören? Will er das überhaupt? Fotografien sind nicht unbedingt authentisch, wenn sie zu stark von Bildkompositionen überlagert werden. Berges geht als Außenstehender durch Duisburg, er wandert durch die Stadt, bis er sein Motiv gefunden hat. Dann betreibt er einen großen Aufwand mit seiner Großbildkamera. Wie aber sähen die Bilder aus, die die Leute gemacht hätten, die hier leben und gelebt haben? Diese Frage werden sich viele Besucher stellen. Wie Roland Barthes sagt: Eigentlich kann man kein Bild über einen Baum machen, wenn man nicht der Holzfäller ist, der da tatsächlich selbst gelebt und eigene Erfahrungen gemacht hat. Mit anderen Worten: Ich sehe in den Bildern eine große Distanz zwischen dem Darstellungsgegenstand und demjenigen, der darauf blickt. Das ist dem Fotografen bewusst. Seine Fotografien zeigen die wandernde Annäherung eines Künstlers an die Stadt.

Adam: Ich glaube, dass von vornherein noch eine weitere Absicht hinter diesen Bildern steckt. Darum ist meines Erachtens der Titel „4100 Duisburg …“ eher irreführend. Es geht Berges nicht darum, Städtisches zu dokumentieren, sondern für mich werden die Stadtansichten benutzt, um an kunsthistorische Motive anzuknüpfen, z.B. an barocke Stillleben mit ihren Memento Mori. Solche Motive werden entdeckt oder sogar bewusst gesucht. Und noch etwas steht einem dokumentarischen Zugriff gegenüber: Berges Fotos wollen auf der einen Seite dem Darstellungsgegenstandalso Duisburg – gerecht werden, und auf der anderen Seite übersetzt der Fotograf die Stadtansichten in eine Fotosprache, die er im Verlaufe vieler Jahre entwickelt hat. Berges tritt also seinen Motiven nicht als neutraler Beobachter gegenüber, sondern als ein Gestalter. Er kommt durch seine Vorgehensweise zu sogfältig aufgebauten Bildern, die natürlich noch etwas mit Duisburg zu tun haben, aber sicherlich nicht mit den bildlichen Vorstellungen übereinstimmen, die die von dir angesprochenen Anwohner haben. Ihm geht es vorrangig darum, etwas herzustellen, was Kunst sein will.

Busse: Das stimmt. Berges arbeitet mit klassischen Gattungen des Landschaftsbilds,  Interieurs und Exterieurs. Diese kunstgeschichtlichen Begriffe bezeichnen Bildgattungen und ikonografische Gruppen in der Malerei und Zeichnung. Laurenz Berges hat ein ausgeprägtes kunsthistorisches Wissen, das sich in den Bildern zeigt.

Laurenz Berges, Kaiser-Wilhelm-Straße Nr. 391, 2012

Adam: Auf der anderen Seite geht es Berges nicht nur um eine Bezugnahme auf die Kunstgeschichte. Ich finde, dass in einigen Bildern, über die wir noch sprechen werden, zentrale menschliche und aktuelle Themen angesprochen sind: zum Beispiel die Frage nach den Möglichkeiten des Überlebens in ungastlichen Orten, in Orten, deren ursprüngliche Funktionen erschöpft sind. Darum hat der Betrachter der Ausstellung schnell das Gefühl, guten Fotografien zu begegnen, auch wenn er unmittelbar gar nicht begründen kann, worin die Qualität besteht: Die Bilder sprechen existenzielle Fragen an.

Laurenz Berges, Haunummer 1,2014

Adam: Diese Foto hier – am Anfang der Ausstellung – erinnert mich an eine Bühne. Die Wand im Hintergrund könnte eine hintere Bühnenkulisse sein. Die Sitzmöbel im Vordergrund stehen somit auf der Bühne. Auch lässt sich das Foto einem der schon angesprochenen bekannten kunstgeschichtlichen Themen zuordnen: der Gegenüberstellung von Natur und Architektur. Einige Bilddetails sind dabei besonders interessant: Eine Gardine, zwei Besen, eine Fußmatte – alles Hinweise darauf, dass die Häuser noch bewohnt sind. Aufgrund der kurzen Distanz zur hinteren Wand ist der Bildausschnitt begrenzt. Es könnte Sommer sein, es blüht ja hier und da. Andererseits haben wir nur leichte Schlagschatten, also keine direkte Sonneneinstrahlung. Insgesamt hat man eher einen kühlen Eindruck. Auffällig sind auch die vom Wetter zerfressenen Sitzmöbel.

Busse: Die Stühle sind im Grunde genommen genauso dreckig wie die Wand. Die Assoziation des Bühnenbildes finde ich richtig. Man fragt sich: Hat da schon mal jemand gesessen? Wie lange hat dort keiner mehr gesessen? Oder: Würdest du dich auf diesen dreckigen Stuhl setzen? Das Bild ist andererseits lebendig, als ob jetzt gleich einer aus der linken Tür rauskommt und sich da hinsetzt.

Adam: Den vielen inhaltlichen Fragen und offenen Deutungsmöglichkeiten steht eine sehr klare Komposition gegenüber: die Gliederung durch die waagerechten und senkrechten Kanten, die auf der Mittelsenkrechte des Bildes liegende ovale Form des Tisches usw. Insgesamt ein klassischer Bildaufbau.
Und jetzt gehen wir zu dem Foto, das drei Jahre später von demselben Hinterhof gemacht wurde.

Laurenz Berges, Herr Scholz, 2017

Adam: Der Ausschnitt ist etwas herausgezoomt. Ich habe das Gefühl, die Natur ist stärker geworden, sie hat mehr Platz erobert. Aber interessanterweise bekämpfen die Bewohner diesen Wachstumsprozess nicht, ja, sie unterstützen ihn sogar durch eigene Pflanzen.  Es ist besonders auffällig, wie viele Details auf beiden Fotos gleich geblieben sind: Immer noch dieselbe Gardine. Immer noch die beiden Besen , die an fast derselben Stelle stehen wie vor drei Jahren. Hinzugekommen ist jetzt, dass man etwas mehr von der Umgebung sieht: Die bunten Fenstergläser in der linken Hauswand, die auch noch eingefasst sind, deuten jetzt an, dass dieses Haus zu keiner ärmlichen Wohngegend passt.

Busse: Mir fällt als erstes der Mann in der Mitte des Bildes auf.

Adam: Na klar, Herr Scholz, der sitzende Mann, der dem Bild seinen Titel gibt, ist das Zentrum des Bildes. Es gibt einen dezenten Hinweis auf noch einen Bewohner des Hinterhofes: ein kleiner weißer Teller, der wohl für eine Katze bereitgestellt ist. Zurück zum Mann: Er scheint zu warten. Aufgrund des Blickes könnte man vermuten, dass Herr Scholz darauf wartet, dass jemand aus der linken Tür kommt. Ich fasse mal den Prozess, der sich aus dem Vergleich der beiden Fotos ergibt, zusammen: Die Menschen haben sich den Veränderungsprozessen ihrer Umgebung dadurch angepasst, dass sie den natürlichen Rückholprozess der Natur mitgestalten. Andererseits halten die Bewohner, das wird v.a. durch die Besen verdeutlicht, den funktionalen wichtigen Mittelbereich des Hofes penibel sauber. Das Foto vermittelt insgesamt keine anheimelnde Atmosphäre, ein Glas oder Aschenbecher fehlen auf dem Tisch. Es ist eine Mischung zwischen dem sinnlosen Warten auf Godot und der berechtigten Hoffnung, dass doch jemand gleich durch die Tür kommt und sich zu dem Mann setzt. Die Lage ist in diesem Szenenaufbau also nicht ganz so trostlos wie bei Beckett.

Busse: Ja, der Stuhl muss für jemand da sein. Wer sitzt dort normalerweise? Das Bild löst Geschichten aus. Ist Herr Scholz verheiratet? Hat er Kinder? Kriegt er Besuch? Ist er allein? Auch das Motiv der Tür ist interessant. Ist er aus dieser Tür gekommen, oder betritt gleich eine weitere Person die Szene? Auch von vorne über den Weg könnte jemand die Bühne betreten, so wie es der Fotograf tut. Das ist für mich ein entscheidender Punkt. Der Fotograf nimmt an der Szene teil. Das ist schon ein sehr interessantes Bild.

Adam: Hat man als Betrachter den Wunsch, sich dazuzusetzen?

Busse: Nein! Warum macht er die Stühle nicht sauber? Warum setzt sich Herr Scholz in dreckige Stühle? Und dieser Algenbelag, der ist ja nun wirklich nicht schön, der ist auch unangenehm. Herr Scholz macht sich die Hose dreckig. Sitzt er da öfter oder sitzt er nur da, weil der Fotograf da ist?

Adam: Es gibt eine interessante Äußerung von Berges auf die Frage, warum er eher selten Menschen aufnehmen würde. Der Grund sei, dass er diese nicht so einfach inszenieren könne. Der Auftritt von Herrn Scholz ist inszeniert.

Busse: Die Sitzhaltung erinnert an das Studio eines Malers im 19. Jahrhundert: leg den Arm mal dahin, den anderen Arm legst du nach links! Denn das sind Richtungen und Kompositionslinien. Der eine Arm liegt fast in der Horizontalen. Der Körper des Mannes folgt einer Diagonale. Der Auftritt von Herrn Scholz ist eindeutig komponiert.

Busse: Bei einem der größten Bilder der Ausstellung wird der klassische Landschaftsblick mit dem Horizont in der Mitte, den wir von vielen Bildern kennen, auf den Rhein bei Duisburg übertragen: In der Regel zeigte man so Meereslandschaften als Zeichen für Entgrenzung und Utopie. Hier tritt das Motiv der Bedrohung durch die dunkle Wolkendecke hinzu. Es scheint, als geschehe oder verändere sich hier etwas. Und im Hintergrund eine Halde. Du siehst zunächst eine Romantisierung durch den kunsthistorischen Hintergrund. Dann erkennst du das Gegenteil: den Rhein, wenn ich das richtig sehe, ein Schiff und dahinter die Halde. Die Landschaftsveränderung, der Landschaftsumbau im Ruhrgebiet.

Adam: Das Foto wirkt auf mich so, als ob die Brutalität dieser Gegend, die ja im Bildspeicher vieler Ausstellungsbesucher abrufbar ist, durch die Umsetzung in die schon angesprochene Fotosprache von Berges eine Art von Befriedung erfährt. Die Ansicht einer Duisburger Industrielandschaft wird von Berges vor allem durch seinen Umgang mit dem natürlichen Licht  in ein harmonischeres Bild transformiert. Könnte man ihm bei diesem Bild den Vorwurf des Kitsches, der Idylle machen?

Busse: Ja, das Bild hat etwas Idyllisches, wie auch das Pflanzenstillleben in dem folgenden  Ausstellungssaal. Dort hast du den Eindruck, es handle sich um eine barocke Komposition.

Laurenz Berges, September (Tisch), 2013
Laurenz Berges, Theo, 2019

Adam: Wir kommen zu einem weiteren Klassiker der Kunstgeschichte: Dem Blick aus dem Fenster.
Berges variiert das Motiv: Erst wird auf der linken Seite ganz einfach eine dunkle Wand abgelichtet, auf der rechten Bildhälfte, die den Blick nach draußen zeigt, der in der Kunstgeschichte häufig sehnsuchtsvoll ist, haben wir als Ziel des Blickes nur ein helles Grau bzw. ein Weiß, was in seiner Funktion unklar ist. Soll mit dieser hellen Fläche die Hoffnung, die Zukunft des Mannes symbolisiert werden? Oder das Gegenteil: eine nicht realisierbare Verblendung bzw. Leere?
Ich mag sehr diese Bilder mit der ihnen eigenen Offenheit und Mehrdeutigkeit.

Adam: Eine andere Frage, Klaus-Peter, den Ort dieser Ausstellung bedenkend: Was hätte Josef Albers zu dieser Ausstellung gesagt?

Busse: Er hätte das richtig gut gefunden. Wenn ich mir die Fotografien anschaue, die er selbst gemacht und auf Pappkartons angeordnet hat, prägte ihn die Komposition der Darstellung von Natur und Architektur. Erinnerst du dich an das Buch von Manfred Sommer?


Adam: Die Kunst kommt aus dem Rechteck. Die Bilderrahmen von Berges betonen das.

Busse: Im Grunde genommen sehen wir eine Kino-Situation. Vor uns ein Guckkasten, eine Bühne.

Adam: Und immer wieder Durchgänge, Türen und Fenster.

Busse: Türen und Fenster sind immer Grenzen. Du weißt überhaupt nicht, was dahinter geschieht. Es sind Zeichen für Territorien, die sich in Städten bilden.  Das Fenstermotiv gibt es übrigens auch im Werk von Twombly. Er hat dazu viele Bilder gemalt, bis in die völlige Abstraktion hinein. Das ist eine Konstituente der Raumdarstellung in Bildern. Woher kommt das Licht?

Laurenz Berges, Marxloh III, 2014
Laurenz Berges, Bruckhausen (August), 2012

Busse: Am Ende unseres Ganges durch die Ausstellung müssen wir noch über dieses  Foto sprechen; denn dieses Bild ist für mich symptomatisch für die ganze Ausstellung. Eindrücklich sind diese Isolation, diese Trostlosigkeit und diese Angst, die sich hier zeigen. Hier ist es still. Das ist nicht das lebendige Duisburg-Marxloh. Es ist nicht mehr das lebendige Duisburg von früher. Du kommst als Betrachter zwangsläufig in die Situation, dich zu fragen, was hier schon alles passiert ist. Und was hier noch passieren wird. Das Bild erzählt auch eine Zukunft.

 

Adam: Auch wenn die Zukunft darin besteht, dass das Gebäude irgendwann abgerissen wird oder einfach vergammelt. Man weiß es nicht, aber es sind Geschichten, die im Bild stecken über das, was gewesen ist …
Busse: … und über das, was da noch kommt. Denn Duisburg muss ja auch eine Zukunft haben.

Adam: Insgesamt zeigen die Bilder durch die Transformation der Stadtansichten in die ästhetische Fotosprache  von Laurenz Berges seinen Respekt vor dieser gebeutelten Stadt und ihren Bewohnern.

Laurenz Berges. 4100 Duisburg. Das letzte Jahrhundert

9. Februar bis 3. Mai 2020

Josef Albers Museum. Quadrat Bottrop

Im Stadtgarten 20, 46236 Bottrop

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