"Scharf-Stellen" - Versuche

von Lothar Adam

Max Beckmann „Afternoon“, 1946, Öl auf Betttuch auf Sperrholz aufgeklebt, 89,5 x 135,5 cm

Über das Scharf-Stellen eines Kameraobjektivs

Seit kurzem ist bei meiner Spiegelreflex-Kamera der Autofokus ausgefallen. Vor dem Drücken des Auslöseknopfes drehe ich mit der Hand am Objektiv der Kamera zwei Einstellungsringe: zunächst den für die richtige Ausschnittwahl und dann den für das „Scharf-Stellen“. Durch den letzten Vorgang wird die Schärfe bzw. Unschärfe auf verschiedene Bildtiefen gelenkt. Meine Aufmerksamkeit wendet sich für Augenblicke den zufällig scharfgestellten Bildbereichen zu, die ich ansonsten nicht bewusst wahrgenommen hätte. Und umgekehrt sehe ich das Zielobjekt manchmal durch die ungewollte Unschärfe neu. Durch wiederholtes Vorwärts- und Rückwärtsdrehen nähere ich mich der vermeintlich besten Einstellung an, ohne immer ganz sicher zu sein, ob es nicht noch eine genauere Fokussierung  gibt.

I Bildbeschreibung

Die Beantwortung der üblichen W-Fragen – wer, wann und wo – ist für dieses Bild gar nicht so einfach. Relativ sicher lässt sich von der auf einer Art Bett  halb-liegenden bzw. halb-sitzenden jungen, weißen Frau sagen, dass sie ein Negligé und Strümpfe trägt, blond-gelockte Haare hat und eine Haarspange sowie einen Armreif trägt. In starker perspektivischer Verkürzung blickt der/die Betrachter*in halb seitlich über die geöffneten Beine hinweg. Die von rechts kommende, männliche Mensch-Tier-Gestalt mit brauner Hautfarbe und einem roten Hut, die die Frau fest im Blick hat, ist anatomisch rätselhaft. Sie scheint sich trotz der nach vorne strebenden Handbewegung hingehockt zu haben. Auffällig ist eine dritte Hand (oder ein Krallenfuß?), die aufgrund der Farbgebung dieser Gestalt zugerechnet werden muss und in Richtung des Unterleibs der Frau zeigt (für eine weitere Person gibt es keine weiteren Anhaltspunkte). Der Kopf der Frau ist im Vergleich zu ihrem Körper zu klein, alle Hände sind überproportional groß, wodurch sie zu zentralen Bedeutungselementen werden. Diese Gestalt will sich offensichtlich der Frau annähern bzw. von ihr Besitz ergreifen. Nicht eindeutig sind die Gestik und Mimik der Frau. Ihr ängstlicher Blick, das Zurückweichen des Oberkörpers, die rechte Hand, die  als Schirm abwehrend oder zum Gruß erhoben gedeutet werden kann, und die linke Hand, die eindeutig Abwehr signalisiert, alle diese Hinweise sprechen dafür, dass die Frau sich gegen die Bedrohung, die von dem Mann ausgeht, wehrt. Andererseits könnten entblößte Brüste, geöffnete Beine, die spärliche Bekleidung mit den Strümpfen, Armreif und Haarspange als Hinweise auf Verführungsabsichten interpretiert werden.  

Zentral für die unmittelbare Bildwirkung ist die Farbgebung, die sich durch die extremen schwarzen Schlaglichter des nachmittäglichen Sonnenlichts („Afternoon“) auf den Personen und durch die konträren, aber blässlichen Farbwerte auszeichnet, wobei blaue Farbtöne dominieren. Im Hintergrund deutet sich ein Meer mit (an den Bildrändern verschobenem) Horizont und Himmel an, das aber nicht recht zum Rest des Bildes, der einen Innenraum andeutet,  passt.  Nur sehr wenige Stellen sind in Rot gefasst. Das Rot am rechten Rand im Hut des Mannes taucht ähnlich in den Kissen der Frau auf. Insgesamt  überwiegen aber die blassen Farben: bei der Hautfarbe des Mädchens, den Blautönen ihrer Bekleidung, dem undefinierbaren Farbton des Himmels. Besonders beachten sollte man die Verwendung der schwarzen Farbe. Die oberen schwarzen Ränder der Strümpfe sind Ausgangspunkt einer schwarzen Fläche, die sich über die Innenseiten der Schenkel über den rechten Arm des Mannes wie eine unheimliche Schlange bis zu der rechten Pflanze durch das Bild zieht und auch den Oberkörper der Frau umfasst. Die vorderste Bildebene wird auf der linken Seite durch einen schwarzen Balken (eine Tür, ein Vorhang?) begrenzt, was aus dem Bildraum eine Bühne machen könnte. Der gesamte Raum wirkt stark gestaucht und ganz nah an den vorderen Bildraum heran geschoben. Auf der rechten Seite begrenzt  das Bild eine exotische Pflanze mit hellen lila und blau-grünen Blättern, die aufgrund der oval sich öffnenden Binnenform erotisch konnotiert werden kann. Nimmt man das im Hintergrund angedeutete Meer hinzu und die ins Tierreich weisende männlichen  Figur, kommt man zu keiner eindeutigen Lokalisierung der Szene, sodass der Eindruck einer surrealen Traumszene entsteht.

II Bildsprache

Da Beckmann eine individuelle Bildsprache entwickelt hat, die sich durch vielerlei  literarische und mythologische Bezüge (auch zu Sagen und Märchen) auszeichnet , gerne auch Anleihen bei Bildmotiven aus der Welt des Zirkus, des Theaters und anderer städtischer Vergnügungsstätte macht und nicht immer eindeutig zu deuten ist, sollen durch einen Motivvergleich mit anderen Bildern Deutungshinweise für „Afternoon“ gewonnen werden.
Am befremdlichsten in diesem Bild ist sicherlich der sehnsuchtsvolle bzw. gierige Mann, den ich schon zuvor durch sein archaisches, fast tierhaft wirkendes Aussehen charakterisiert habe. Für ihn gibt es – soweit mir bekannt – keine direkten Bezüge in anderen Bildern.
Aber es gibt einige Tier-Mensch-Wesen im Werk von Beckmann. Sie deuten eine Realität an, die jenseits des Sichtbaren liegt. Sie können literarisch oder mythologische Bezüge haben, bzw. entstammen nur schwer zu deutenden privaten Zusammenhängen. Ein Beispiel:

Max Beckmann "Tod", 1938, Öl auf Leinwand, 121 x 176,5 cm

Auf dem Bild “Tod“ von 1938 gibt es eine Reihe von Mischwesen, die einer Gegenwelt zum Leben angehören bzw. beim Tod der blonden Frau auftauchen.
Am oberen Bildrand kopfüber befinden sich auf einer abschüssigen Bühne Kopffüßler, also Tier-Mischwesen, ein Engel mit Penis und dreiköpfige Chormitglieder. Eine dunkelhäutige  Figur mit sechs Füßen begleitet die Tote bei dem Übergang ins Totenreich.

Auch in dem Gemälde „ TheTown“ von 1950, das die Reize der modernen amerikanischen Großstadt darstellt, finden wir im vorderen Bereich drei merkwürdige Beobachter der Szene, wobei das Zwitterwesen mit Postbotenmütze einen Brief in Händen hält, der mit „Mr. Beckmann, New York“ adressiert ist.

Max Beckmann "The Town", 1950, Öl auf Leinwand, 165 x 191 cm

Interessant ist für meine Deutung v.a. der froschähnliche nackte Mann mit Krone, der Geldstücke zusammenrafft. Vielleicht können die Figuren in kritischer Funktion andeuten, dass die Reize der Großstadt auch die Zuschauer (wie auch Beckmann einer war) in tierische, triebgesteuerte Wesen verwandeln.

Für die Frauenfigur in „Afternoon“  gibt es unzählige Vor- und Nachbilder im Werk von Beckmann; denn die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen, die Männer und Frauen einnehmen können, und die Thematisierung der Erotik durchziehen sein gesamtes Werk.

Max Beckmann "Atelier", 1946, Öl auf Leinwand, 90 x 135 cm

1946, in dem Entstehungsjahr von „Afternoon“, entsteht auch das Bild „Atelier“. M.E. hat die schwarze Skulptur nicht nur die Funktion, als reizvoller Kontrast zum weiblichen weißen Modell zu dienen; der verstümmelte rechte Arm kann auch als Zeichen des Endes der Naziherrschaft (des Hitlergrußes) gedeutet werden, wobei das liegende Modell vielleicht das Fortleben der Kunst andeutet. Damit nimmt der Maler Stellung zu politischen aktuellen Vorgängen. Beckmann soll für dieses Bild auch die Bezeichnung „Olympia“ akzeptiert haben, wodurch deutlich wird, dass man zum Verständnis seiner Kunst auch die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte im Auge behalten muss, in diesem Falle mit Manets „Olympia“.

Édouard Manet "Olympia", Öl auf Leinwand, 1863 130,5 × 190 cm

Mit drei gedanklichen Hilfskonstruktionen versuche ich nun die ersten Scharfstellungen.

III Bild- / Gedanken-Experimente

Bei der Bildbeschreibung fiel mir auf, dass die vordere Bildebene sich als Rahmen für eine Bühne verstehen lässt. Wenn die Auseinandersetzung zwischen der Frau und dem Mann eine Szene in einem Theaterstück wäre, wie verliefe dann die weitere Handlung des Stückes?
Ich nehme die Rolle eines Theaterautors ein: Zunächst  muss ich die Szene zeitlich, historisch und sozial in einen Kontext einordnen. Ich entscheide mich dafür, die Szene „realistisch“ aufzufassen (Beckmann wohnte 1946 in seinem Amsterdam Exil nahe dem Rot-Licht-Viertel).  Um dem Stück von vornherein einen provokanten Touch zu geben, versehe ich beide Figuren mit Rollenklischees: Die weiße Frau wird zu einer blond gelockten Holländerin, der Mann zu einem dunkelhäutigen Süditaliener.

Wie verläuft nun die weitere Handlung? Zwei Hauptvarianten scheinen mir möglich zu sein.
A: Die Szene spielt in einer Amsterdamer  Wohnung, nahe einer Gracht. Der Mann wird zum triebgesteuerten Aggressor, der die schlafende die Frau vergewaltigt (siehe den verängstigten Gesichtsausdruck der Frau) und, als man ihn vor Gericht stellt, sich vor allem mit dem Aussehen der Frau entschuldigt.
B: Die Frau ist eine kenntnisreiche Verführerin, sie spielt mit dem Mann und  macht ihn zum hilflosen Sklaven seiner Triebhaftigkeit. Einerseits lockt sie ihn mit ihren Reizen (geöffnete Beinstellung, Bekleidung, Schmuck, unklare Botschaft der rechten Hand), andererseits wehrt sie ihn bzw. eine weitergehende Beziehung ab. Die Frau ist somit die Bestimmende der weiteren Handlung, die den Mann in immer stärkere Abhängigkeit bringt. Das weitere Geschehen kann in unterschiedlichste Richtungen gehen (s. z. B. „Professor Unrat“ von Heinrich Mann).

Also: Mit der Vorgabe dieses Bildes sind – in der realistischen Variante – sehr unterschiedliche Handlungsverläufe denkbar.  Anknüpfungen an griechische Tragödien („Der Raub der …“) sind ebenso möglich wie an seichtere Schauspiele, z. B. von Arthur Schnitzler („Komödie einer Verführung“).
Aber was ist, wenn das Geschehen in dem Bild nicht eine reale Szene abbildet, sondern der Logik des Traums gehorcht, worauf die rechte Pflanze hinzuweisen scheint?

IV Bildträume

Beckmann selbst sprach während der Produktion von  „Afternoon“ in seinem Tagebuch häufig von dem „Traum des Mädchens“. Auch die Fremdartigkeit der Farbgebung, die Raumgestaltung sowie die nicht stimmigen Körperproportionen (s. Bildbeschreibung) verstärken den Eindruck eines Traumes. Das schon erwähnte Schwarz wird im Rahmen einer Traumdeutung zum  Abgründigen. Das (schwarze) Triebhafte verbindet die beiden Personen und geht tendenzhaft nach unten rechts in Richtung erotischer Pflanze. V.a. die Frau ist von diesem Schwarz umfangen, wodurch deutlich wird, dass sie ist es, die erotische Begierden im Traum erlebt. Aber ihre Augen sind angstvoll geöffnet. Dies widerspricht der einfachen Einordnung der Szene in eine positive erotische Traumhandlung. Von Freud wissen wir, dass der erinnerte Traum schon durch das Über-Ich gefiltert ist. Dargestellt ist somit nicht eine Anspielung auf den erotischen Traum selbst, sondern nur dessen Erinnerung beim Aufwachen. Mit diesem Deutungsansatz ließen sich die widersprüchlichen Gesten der Hände deuten. Der Mann als archaisches Wesen verkörpert die Attraktion und kann gleichzeitig auch als Projektionsfläche des schlechten Gewissens der Frau als böser Verführer gedeutet werden.
Natürlich ist es auch möglich, dass es sich bei der Szene um die Darstellung eines Alptraums handelt, der dann ungefähr dem ersten Handlungsverlauf des fiktiven Theaterstücks folgt.
Da Träume per se Unwahrscheinliches kombinieren können, kommen wir mit dieser Perspektive  zu einer insgesamt stimmigen Deutung.
Allerdings lauern manchmal im Hintergrund von Bilddeutungen, die sich auf Unbewusstes und Traumlogiken beziehen, durch Vorurteile gesteuerte  Annahmen des Deutenden über den Produktionsprozess des Bildes und über den Maler.

V Der fiktive Maler

So wie wir beim Lesen eines Buches uns einen Autor vorstellen bzw. konstruieren, der das Buch geschrieben hat, so leitet der Betrachter, meist unbewusst,  aus dem Bild einen fiktiven Maler ab. Bei dem Gemälde „Afternoon“ könnte ich diesem fiktiven Maler z. B. unterstellen, dass er sich selbst in der männlichen Figur dargestellt hat. Dieser fiktive Maler, so könnte meine Deutung lauten, versteckt in der  Darstellung eines vermeintlichen weiblichen Traumes seine eigenen sexuellen Wünsche/Träume. Er wünscht sich, einer Femme fatale zu begegnen bzw. eine Frau als Aggressor mit Gewalt zu erobern. Deutlich ist, dass mit meiner Konstruktion des fiktiven Malers ein hoher Anteil subjektiver Setzungen verbunden ist. Anders formuliert, die Konstruktion des fiktiven Malers offenbart die Werte und Einstellungen des Konstrukteurs. Natürlich darf man ihn nicht mit dem realen Maler, Max Beckmann, verwechseln. Informationen über den realen Maler können, müssen aber nicht, das Verstehen eines Bildes erleichtern.

VI Der reale Maler

Max Beckmann, der dieses Bild aufgrund des Fehlens von Leinwänden auf ein bereits lange Jahre gebrauchtes Betttuch gemalt hat, lebte 1946 im Amsterdamer Exil. Er hat es grundsätzlich abgelehnt, zu seinen Bildern Deutungshinweise zu geben. Entweder man ist mit ihm auf einer Wellenlänge oder eben nicht, war sein Tenor. Andererseits finden wir in seinen Tagebüchern aus jener Zeit einige Anmerkungen zum Thema Sexualität, die doch ein neues Licht auf das Bild werfen können. „Der kalte Zorn herrscht in meiner Seele. Soll man denn nie von dieser ewigen, scheußlichen, vegetativen Körperlichkeit kommen? Ach Gott, ja man bejammert ja immer die Lüste des Fleisches! Mein Gott, was hätten wir denn sonst noch, wenn nicht wenigstens die Illusion des Wunsches vorhanden wäre.“
Aus dieser Perspektive ist es tatsächlich möglich, in der männlichen Figur, wie ich es schon bei dem fiktiven Maler versucht habe, den von den „Lüsten des Fleisches“ getriebenen Beckmann selbst zu sehen. Der wilde Dunkelhäutige ist im Lichte dieses Tagebucheintrags in Wirklichkeit ein alternder Maler, für den Erotik eher Abhängigkeit und Zwang bedeutet. Haben wir damit den Schlüssel zum Bildverständnis? Leider nein. Der aus dem Tagebuchauszug abgeleiteten These, dass das thematische Zentrum von „Afternoon“ die negative Bewertung der Sexualität ist, stehen  zwei Aspekte gegenüber, die das Deutungsfeld wieder in eine andere Richtung öffnen.

Erster Aspekt: Beckmann wählte als Bildtitel „Afternoon“, der Konnotationen zum Thema Übergang hervorruft. Einer alleinigen Verurteilung der eigenen männlichen  erotischen Abhängigkeiten widerspricht dieser Bildtitel, der eher an die „Blaue Stunde“ erinnert: den romantischen Übergang von der hellen Klarheit des frühen Nachmittags  zu den dunkleren Geheimnissen der untergehenden Sonne.

Max Beckmann "Liegende", 1945, Tusche und Bleistift auf Papier, 33 × 35,9 cm

Max Beckmann,  Vorstudie von 1945, verkauft durch die Galerie Utermann, Dortmund: „Die vorliegende Zeichnung ist eine Studie zu Max Beckmanns Gemälde „Afternoon“, das zum Museum Ostwall in Dortmund gehört.“ (Galerie Utermann)

Zweiter Aspekt: Auch will die Vorstudie  zu dem Bild nicht recht zu einer Deutung passen, in deren Zentrum ein Problematisieren männlicher Sexualität steht.
Die Frau hat in der Skizze zwar den Kopf noch auf der rechten Seite. Aber auch in dieser Fassung widersprechen die einladende Bein- und v.a. die Fußstellung der abwehrenden Handbewegung. Diese Vorskizze kommt ohne männlichen Gegenspieler aus. Die schon für das Bild „Afternoon“ zentrale Gestik der Frau ist aber vorhanden. Somit liegt der Verdacht nahe, dass auch im Gemälde das Ringen der Frau aus ihrem Inneren kommt und nicht (allein) durch die Bedrohung des Mannes zu erklären ist. Auffällig ist, dass die Frau in „Afternoon“ in Richtung professionelle Verführerin weiterentwickelt wurde: In der Skizze lässt sie sich aufgrund der Kleidung eher bürgerlichen Verhältnissen zuordnen. Beckmann hat somit die Darstellung eines inneren Konflikts mit visuellen Eindrücken verbunden, die seinem Amsterdamer Wohnumfeld entnommen sein könnten. In dem Bild „Afternoon“ haben somit unterschiedliche Themenstrukturen Einzug gehalten. Eine Reduzierung auf den Aspekt männliche Sexualität würde der Komplexität des Gemäldes nicht gerecht, zumal eine Kompositionsanalyse zeigen würde, wie dominant die halb-liegende Frau das Bild beherrscht.

VII Schluss

Das Bild „Afternoon“ thematisiert die Beziehungen zwischen Mann und Frau in einer Weise, die zwischen Vergewaltigung und Verführung, Gewalt und Erotik, Abstoßung und Anziehung, Traum und Wachzustand oszilliert. 

Als Max Beckmann, der von den Nazis als „entarteter“ Künstler geächtet wurde und deshalb 1937 nach Amsterdam ins Exil ging, wusste er nicht, dass er erst 10 Jahre später, 1947, in die USA aufbrechen konnte, wo er 1950 verstarb. Ich halte es für gut möglich, dass es sich bei den grünen Zacken in der linken Bildseite um eine Anspielung auf den Kopf der Freiheitsstatue von New York handelt, zumal in dem darunterliegendem bläulich schwarzen Gegenstand (ein Kissen, eine Flasche?) auch die Ansicht von New York, von der Seeseite herkommend, angedeutet sein könnte. Das Meer im Bildhintergrund könnte in diesem Deutungszusammenhang den ersehnten Aufbruch in die neue Welt andeuten. Damit bekäme das Bild auch noch eine biografisch-politische Note, die ein weiteres Feld von Deutungen öffnet.

„Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine.“    Theodor Adorno

Nachtrag

In der Hamburger Kunsthalle findet momentan unter dem Titel: „MAX BECKMANN weiblich-männlich“ vom 25. Sept. 2020 bis zum 24. Jan. 2021 eine große Beckmann-Ausstellung statt.
In ihr wird das Gemälde „Vampir“ aus den Jahren 1946 /47 gezeigt.

In ihm gibt es einige Parallelen zum „Afternoon“. Wieder kommt es zu einer sexuellen Begegnung zwischen einem dunkelhäutigen, männlichen Wesen – von rechts kommend – und einer hellhäutigen, diesmal völlig unbekleideten Frau. Doch im „Vampir“ ist die Haltung der überfallenen Frau eindeutig passiv, vielleicht sogar gelangweilt. Der Vampir wirkt eher zärtlich und nicht bedrohlich oder aggressiv, ja es könnte der Verdacht aufkommen, dass das mit blauvioletten Flügeln ausgestatteten Wesen gar kein Vampir, sondern ein Engel ist. Auch die einrahmenden Rottöne und Raumelemente können Erotisches wie Aggression andeuten.
Neben diesem Gemälde hängt in der Hamburger Ausstellung eine kleine Skizze, auf der ein weiblicher Vampir einen Mann aussaugt.
Deutlich wird, dass Beckmann in den Nachkriegsjahren mit unterschiedlichen Geschlechterrollen experimentiert.

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