"Scharf-Stellen" - Versuche

Ölbild von Max Beckmann "Afternoon"
Max Beckmann „Afternoon“, 1946, Öl auf Betttuch auf Sperrholz aufgeklebt, 89,5 x 135,5 cm

I Bildbeschreibung

Max Beckmann "Tod", 1938, Öl auf Leinwand, 121 x 176,5 cm

Auf dem Bild “Tod“ von 1938 gibt es eine Reihe von Mischwesen, die einer Gegenwelt zum Leben angehören bzw. beim Tod der blonden Frau auftauchen.
Am oberen Bildrand kopfüber befinden sich auf einer abschüssigen Bühne Kopffüßler, also Tier-Mischwesen, ein Engel mit Penis und dreiköpfige Chormitglieder. Eine dunkelhäutige  Figur mit sechs Füßen begleitet die Tote bei dem Übergang ins Totenreich.

Auch in dem Gemälde „ TheTown“ von 1950, das die Reize der modernen amerikanischen Großstadt darstellt, finden wir im vorderen Bereich drei merkwürdige Beobachter der Szene, wobei das Zwitterwesen mit Postbotenmütze einen Brief in Händen hält, der mit „Mr. Beckmann, New York“ adressiert ist.

Interessant ist für meine Deutung v.a. der froschähnliche nackte Mann mit Krone, der Geldstücke zusammenrafft. Vielleicht können die Figuren in kritischer Funktion andeuten, dass die Reize der Großstadt auch die Zuschauer (wie auch Beckmann einer war) in tierische, triebgesteuerte Wesen verwandeln.

Für die Frauenfigur in „Afternoon“  gibt es unzählige Vor- und Nachbilder im Werk von Beckmann; denn die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Rollen, die Männer und Frauen einnehmen können, und die Thematisierung der Erotik durchziehen sein gesamtes Werk.

Max Beckmann "Atelier", 1946, Öl auf Leinwand, 90 x 135 cm

1946, in dem Entstehungsjahr von „Afternoon“, entsteht auch das Bild „Atelier“. M.E. hat die schwarze Skulptur nicht nur die Funktion, als reizvoller Kontrast zum weiblichen weißen Modell zu dienen; der verstümmelte rechte Arm kann auch als Zeichen des Endes der Naziherrschaft (des Hitlergrußes) gedeutet werden, wobei das liegende Modell vielleicht das Fortleben der Kunst andeutet. Damit nimmt der Maler Stellung zu politischen aktuellen Vorgängen. Beckmann soll für dieses Bild auch die Bezeichnung „Olympia“ akzeptiert haben, wodurch deutlich wird, dass man zum Verständnis seiner Kunst auch die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte im Auge behalten muss, in diesem Falle mit Manets „Olympia“.

Édouard Manet "Olympia", Öl auf Leinwand, 1863 130,5 × 190 cm

Mit drei gedanklichen Hilfskonstruktionen versuche ich nun die ersten Scharfstellungen.

III Bild- / Gedanken-Experimente

Bei der Bildbeschreibung fiel mir auf, dass die vordere Bildebene sich als Rahmen für eine Bühne verstehen lässt. Wenn die Auseinandersetzung zwischen der Frau und dem Mann eine Szene in einem Theaterstück wäre, wie verliefe dann die weitere Handlung des Stückes?
Ich nehme die Rolle eines Theaterautors ein: Zunächst  muss ich die Szene zeitlich, historisch und sozial in einen Kontext einordnen. Ich entscheide mich dafür, die Szene „realistisch“ aufzufassen (Beckmann wohnte 1946 in seinem Amsterdam Exil nahe dem Rot-Licht-Viertel).  Um dem Stück von vornherein einen provokanten Touch zu geben, versehe ich beide Figuren mit Rollenklischees: Die weiße Frau wird zu einer blond gelockten Holländerin, der Mann zu einem dunkelhäutigen Süditaliener.

Wie verläuft nun die weitere Handlung? Zwei Hauptvarianten scheinen mir möglich zu sein.
A: Die Szene spielt in einer Amsterdamer  Wohnung, nahe einer Gracht. Der Mann wird zum triebgesteuerten Aggressor, der die schlafende die Frau vergewaltigt (siehe den verängstigten Gesichtsausdruck der Frau) und, als man ihn vor Gericht stellt, sich vor allem mit dem Aussehen der Frau entschuldigt.
B: Die Frau ist eine kenntnisreiche Verführerin, sie spielt mit dem Mann und  macht ihn zum hilflosen Sklaven seiner Triebhaftigkeit. Einerseits lockt sie ihn mit ihren Reizen (geöffnete Beinstellung, Bekleidung, Schmuck, unklare Botschaft der rechten Hand), andererseits wehrt sie ihn bzw. eine weitergehende Beziehung ab. Die Frau ist somit die Bestimmende der weiteren Handlung, die den Mann in immer stärkere Abhängigkeit bringt. Das weitere Geschehen kann in unterschiedlichste Richtungen gehen (s. z. B. „Professor Unrat“ von Heinrich Mann).

Also: Mit der Vorgabe dieses Bildes sind – in der realistischen Variante – sehr unterschiedliche Handlungsverläufe denkbar.  Anknüpfungen an griechische Tragödien („Der Raub der …“) sind ebenso möglich wie an seichtere Schauspiele, z. B. von Arthur Schnitzler („Komödie einer Verführung“).
Aber was ist, wenn das Geschehen in dem Bild nicht eine reale Szene abbildet, sondern der Logik des Traums gehorcht, worauf die rechte Pflanze hinzuweisen scheint?

IV Bildträume

Beckmann selbst sprach während der Produktion von  „Afternoon“ in seinem Tagebuch häufig von dem „Traum des Mädchens“. Auch die Fremdartigkeit der Farbgebung, die Raumgestaltung sowie die nicht stimmigen Körperproportionen (s. Bildbeschreibung) verstärken den Eindruck eines Traumes. Das schon erwähnte Schwarz wird im Rahmen einer Traumdeutung zum  Abgründigen. Das (schwarze) Triebhafte verbindet die beiden Personen und geht tendenzhaft nach unten rechts in Richtung erotischer Pflanze. V.a. die Frau ist von diesem Schwarz umfangen, wodurch deutlich wird, dass sie ist es, die erotische Begierden im Traum erlebt. Aber ihre Augen sind angstvoll geöffnet. Dies widerspricht der einfachen Einordnung der Szene in eine positive erotische Traumhandlung. Von Freud wissen wir, dass der erinnerte Traum schon durch das Über-Ich gefiltert ist. Dargestellt ist somit nicht eine Anspielung auf den erotischen Traum selbst, sondern nur dessen Erinnerung beim Aufwachen. Mit diesem Deutungsansatz ließen sich die widersprüchlichen Gesten der Hände deuten. Der Mann als archaisches Wesen verkörpert die Attraktion und kann gleichzeitig auch als Projektionsfläche des schlechten Gewissens der Frau als böser Verführer gedeutet werden.
Natürlich ist es auch möglich, dass es sich bei der Szene um die Darstellung eines Alptraums handelt, der dann ungefähr dem ersten Handlungsverlauf des fiktiven Theaterstücks folgt.
Da Träume per se Unwahrscheinliches kombinieren können, kommen wir mit dieser Perspektive  zu einer insgesamt stimmigen Deutung.
Allerdings lauern manchmal im Hintergrund von Bilddeutungen, die sich auf Unbewusstes und Traumlogiken beziehen, durch Vorurteile gesteuerte  Annahmen des Deutenden über den Produktionsprozess des Bildes und über den Maler.

V Der fiktive Maler

So wie wir beim Lesen eines Buches uns einen Autor vorstellen bzw. konstruieren, der das Buch geschrieben hat, so leitet der Betrachter, meist unbewusst,  aus dem Bild einen fiktiven Maler ab. Bei dem Gemälde „Afternoon“ könnte ich diesem fiktiven Maler z. B. unterstellen, dass er sich selbst in der männlichen Figur dargestellt hat. Dieser fiktive Maler, so könnte meine Deutung lauten, versteckt in der  Darstellung eines vermeintlichen weiblichen Traumes seine eigenen sexuellen Wünsche/Träume. Er wünscht sich, einer Femme fatale zu begegnen bzw. eine Frau als Aggressor mit Gewalt zu erobern. Deutlich ist, dass mit meiner Konstruktion des fiktiven Malers ein hoher Anteil subjektiver Setzungen verbunden ist. Anders formuliert, die Konstruktion des fiktiven Malers offenbart die Werte und Einstellungen des Konstrukteurs. Natürlich darf man ihn nicht mit dem realen Maler, Max Beckmann, verwechseln. Informationen über den realen Maler können, müssen aber nicht, das Verstehen eines Bildes erleichtern.

VI Der reale Maler

Max Beckmann, der dieses Bild aufgrund des Fehlens von Leinwänden auf ein bereits lange Jahre gebrauchtes Betttuch gemalt hat, lebte 1946 im Amsterdamer Exil. Er hat es grundsätzlich abgelehnt, zu seinen Bildern Deutungshinweise zu geben. Entweder man ist mit ihm auf einer Wellenlänge oder eben nicht, war sein Tenor. Andererseits finden wir in seinen Tagebüchern aus jener Zeit einige Anmerkungen zum Thema Sexualität, die doch ein neues Licht auf das Bild werfen können. „Der kalte Zorn herrscht in meiner Seele. Soll man denn nie von dieser ewigen, scheußlichen, vegetativen Körperlichkeit kommen? Ach Gott, ja man bejammert ja immer die Lüste des Fleisches! Mein Gott, was hätten wir denn sonst noch, wenn nicht wenigstens die Illusion des Wunsches vorhanden wäre.“
Aus dieser Perspektive ist es tatsächlich möglich, in der männlichen Figur, wie ich es schon bei dem fiktiven Maler versucht habe, den von den „Lüsten des Fleisches“ getriebenen Beckmann selbst zu sehen. Der wilde Dunkelhäutige ist im Lichte dieses Tagebucheintrags in Wirklichkeit ein alternder Maler, für den Erotik eher Abhängigkeit und Zwang bedeutet. Haben wir damit den Schlüssel zum Bildverständnis? Leider nein. Der aus dem Tagebuchauszug abgeleiteten These, dass das thematische Zentrum von „Afternoon“ die negative Bewertung der Sexualität ist, stehen  zwei Aspekte gegenüber, die das Deutungsfeld wieder in eine andere Richtung öffnen.

Erster Aspekt:
Beckmann wählte als Bildtitel „Afternoon“, der im Zusammenhang mit der Liegenden in der Skizze (s. u.) und im Gemälde eher einen Zeitraum andeutet, der mit Entspannung, Ausruhen und Mittagsschlaf auf einem Divan verbunden werden kann. Die Verurteilung männlicher, erotischer Abhängigkeiten passt nicht zu diesem Titel.

Max Beckmann "Liegende", 1945, Tusche und Bleistift auf Papier, 33 × 35,9 cm

Max Beckmann,  Vorstudie von 1945, verkauft durch die Galerie Utermann, Dortmund: „Die vorliegende Zeichnung ist eine Studie zu Max Beckmanns Gemälde „Afternoon“, das zum Museum Ostwall in Dortmund gehört.“ (Galerie Utermann)

Zweiter Aspekt: Auch will die Vorstudie  zu dem Bild nicht recht zu einer Deutung passen, in deren Zentrum ein Problematisieren männlicher Sexualität steht.
Die Frau hat in der Skizze zwar den Kopf noch auf der rechten Seite. Aber auch in dieser Fassung widersprechen die einladende Bein- und v.a. die Fußstellung der abwehrenden Handbewegung. Diese Vorskizze kommt ohne männlichen Gegenspieler aus. Die schon für das Bild „Afternoon“ zentrale Gestik der Frau ist aber vorhanden. Somit liegt der Verdacht nahe, dass auch im Gemälde das Ringen der Frau aus ihrem Inneren kommt und nicht (allein) durch die Bedrohung des Mannes zu erklären ist. Auffällig ist, dass die Frau in „Afternoon“ in Richtung professionelle Verführerin weiterentwickelt wurde: In der Skizze lässt sie sich aufgrund der Kleidung eher bürgerlichen Verhältnissen zuordnen. Beckmann hat somit die Darstellung eines inneren Konflikts mit visuellen Eindrücken verbunden, die seinem Amsterdamer Wohnumfeld entnommen sein könnten. In dem Bild „Afternoon“ haben somit unterschiedliche Themenstrukturen Einzug gehalten. Eine Reduzierung auf den Aspekt männliche Sexualität würde der Komplexität des Gemäldes nicht gerecht, zumal eine Kompositionsanalyse zeigen würde, wie dominant die halb-liegende Frau das Bild beherrscht.

VII Schluss

Das Bild „Afternoon“ thematisiert die Beziehungen zwischen Mann und Frau in einer Weise, die zwischen Vergewaltigung und Verführung, Gewalt und Erotik, Abstoßung und Anziehung, Traum und Wachzustand oszilliert. 

Als Max Beckmann, der von den Nazis als „entarteter“ Künstler geächtet wurde und deshalb 1937 nach Amsterdam ins Exil ging, wusste er nicht, dass er erst 10 Jahre später, 1947, in die USA aufbrechen konnte, wo er 1950 verstarb. Ich halte es für gut möglich, dass es sich bei den grünen Zacken in der linken Bildseite um eine Anspielung auf den Kopf der Freiheitsstatue von New York handelt, zumal in dem darunterliegendem bläulich schwarzen Gegenstand (ein Kissen, eine Flasche?) auch die Ansicht von New York, von der Seeseite herkommend, angedeutet sein könnte. Das Meer im Bildhintergrund könnte in diesem Deutungszusammenhang den ersehnten Aufbruch in die neue Welt andeuten. Damit bekäme das Bild auch noch eine biografisch-politische Note, die ein weiteres Feld von Deutungen öffnet.

„Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine.“    Theodor Adorno

Nachtrag

In der Hamburger Kunsthalle fand unter dem Titel: „MAX BECKMANN weiblich-männlich“ vom 25. Sept. 2020 bis zum 24. Jan. 2021 eine große Beckmann-Ausstellung statt.
In ihr wurde das Gemälde „Vampir“ aus den Jahren 1946 /47 gezeigt.

In ihm gibt es einige Parallelen zum „Afternoon“. Wieder kommt es zu einer sexuellen Begegnung zwischen einem dunkelhäutigen, männlichen Wesen – von rechts kommend – und einer hellhäutigen, diesmal völlig unbekleideten Frau. Doch im „Vampir“ ist die Haltung der überfallenen Frau eindeutig passiv, vielleicht sogar gelangweilt. Der Vampir wirkt eher zärtlich und nicht bedrohlich oder aggressiv, ja es könnte der Verdacht aufkommen, dass das mit blauvioletten Flügeln ausgestatteten Wesen gar kein Vampir, sondern ein Engel ist. Auch die einrahmenden Rottöne und Raumelemente können Erotisches wie Aggression andeuten.
Neben diesem Gemälde hängt in der Hamburger Ausstellung eine kleine Skizze, auf der ein weiblicher Vampir einen Mann aussaugt.
Deutlich wird, dass Beckmann in den Nachkriegsjahren mit unterschiedlichen Geschlechterrollen experimentiert.

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