18. April 1965

von Klaus-Peter Busse

Eine geballte Ladung Malerei

Begrüßt werden die Besucher*innen in der neuen Sammlungspräsentation des Museums Ostwall von Pablo Picassos Gemälde „Nackte, schlafende Frau“, beeindruckend in seiner Größe (114 x 195 cm) und Farbigkeit, verunsichernd wegen seines Motivs und verstörend mit seiner Malweise. Es ist eine geballte Ladung Malerei, die man sieht, wenn man diese Ausstellung betritt: ein klassisches Motiv der Malereigeschichte (ein liegender Frauenakt), ein wilder, aber zugleich sorgfältig entwickelter Umgang mit dem Pinsel und mit der Farbe und ein Spiel mit Formen, die sich zu dem Bild einer schlafenden Frau zusammenfügen. Die Betrachter*Innen können dieses Spiel nachvollziehen, wenn Sie mit einem Fotoapparat Ausschnitte aus dem Gemälde fotografieren: Welche Formen erinnern sofort an Körperteile oder Gesichtszüge? Welche Formen sind in ihrer Bedeutung ungenau oder mehrdeutig? Die Beziehungen, die diese Motive und Malspuren untereinander eingehen, fügen sich zu dem Gesamtbild. Gerne hat man dieses Spiel als kubistisch bezeichnet: als die Darstellung eines Motivs aus unterschiedlichen Ansichten. Seit den ersten kubistischen Bildern sind 60 Jahre vergangen, und Picasso hatte diese Darstellungsform längst verinnerlicht und in sein Darstellungsrepertoire übernommen, als er dieses Bild malte. Neben die Verstörung durch die Darstellungsform tritt der Eindruck eines etwas idyllischen Umgebungsraums, denn die Frau scheint auf einer Wiese zu liegen, und das Wetter scheint ebenfalls gut zu sein, denn der Himmel ist blau. Aber ganz sicher ist das nicht, denn es könnte auch eine grüne Decke vor einer blauen Wand sein, die Picasso malt. Der Grund oder der Umgebungsraum sind zweiteilig (fondo dipartito). Ob es sich um ein Atelierbild oder um ein Exterieur handelt, bleibt offen. Vielleicht ging es Picasso bei dem Bild auch gar nicht darum, eine nackte schlafende Frau abzubilden. Vielleicht wollte er aus einem Spiel mit seinen Darstellungsmöglichkeiten (also dem, was er wusste, was er konnte und was er schon entwickelt hatte) ein Bild entstehen lassen, bei dem der Darstellungsinhalt nur ein Vorwand ist? Das Gemälde unterscheidet sich sehr von jenen Gemälden, in denen es um konkrete Inhalte geht (Guernica, Demoiselles d´Avignon). Wenn das so ist, geht es in dem Gemälde also in erster Linie um Malerei. Es ist viel weniger verfänglich als Beckmanns „Afternoon“ an anderer Stelle in der Ausstellung. Das Bild erzählt nichts, wenn überhaupt nur die Geschichte, dass ein Maler eine nackte schlafende Frau beobachtet. Das Gemälde ist widersprüchlich.

Neue Blicke lernen

Ändern wir deshalb den Blick auf das Bild in den Blick in die Bücher und Archive über Malerei. Obwohl wir zunächst nur das Gemälde sehen, nicht mehr und nicht weniger, verbergen sich hinter ihm andere Bilder: vor allem Werke, die Picasso gesehen hat, aber auch Bilder, denen die Betrachter*innen schon einmal begegnet sind. Ganz sicher kann man sagen, dass Picasso das Gemälde „Das Frühstück im Freien“ von Eduard Manet aufgefallen sein muss, denn er setzt sich ausdrücklich in einer Reihe von Bildern mit diesem Gemälde auseinander. Er malt seine Blicke auf dieses Bild immer wieder neu, als ob er mitteilen wollte, dass es viele unterschiedliche Blicke auf Manets Bild geben kann, in dem zwei Herren mit zwei Frauen in einem Wald auf einer Wiese an einem Teich und an einem schönen Tag ein Picknick machen. Eine der dargestellten Frauen ist als Akt dargestellt, und das sorgte für Irritationen, als das Bild ausgestellt wurde. Denn Manet malte nicht nur eine Freizeitszene, sondern steigerte die Situation durch die Darstellung einer erotischen Atmosphäre. Auch waren hier nicht mehr Göttinnen oder andere fiktiven Figuren gemalt. Man konnte die Szene durchaus wörtlich nehmen. Auch wenn heute solche Bilder zum Repertoire der Medien gehören: Als es entstand, verstörte es das Publikum gewaltig. Neben der Aktdarstellung sind es die grünen und blauen Farbmischungen, die an dieses Bild erinnern und die das Bild Picassos in eine Tradition stellen. Von hier aus ist es nicht weit zu anderen Bildern Eduard Manets. Beim Blättern durch ein Buch über seine Malerei (etwa in der Bibliothek des Dortmunder U) entdeckt man das Gemälde „Olympia“, das wie „Das Frühstück im Freien“ 1863 entstand, beinahe einhundert Jahre vor der Entstehung des Picasso-Bildes und vergleichbar groß (130,5 x 190 cm). Weitere, mithin private Forschungsarbeit im Umgang mit Büchern und digitalen Suchmaschinen, die jetzt notwendig wird, zeigt die Verwandtschaft dieser Gemälde mit Darstellungen der Venus bis zurück in das 15. Jahrhundert und darüber hinaus bis in die antike Bilderwelt. Diese Forschungen belegen, dass Picasso nicht nur eine schlafende nackte Frau malt, sondern eine Bildtradition fortsetzt, die es seit langer Zeit gibt. Auch aus diesem Blickwinkel ist ersichtlich, dass das Thema des Gemäldes die Malerei ist. Nimmt man die Darstellung also zu wörtlich und sieht man nur die Darstellung eines nackten Frauenkörpers, dann greift die Wahrnehmung zu kurz. Die Betrachter*innen müssen also einen neuen Blick lernen, und sie dürfen sich nicht auf gewohnte und erprobte Wahrnehmungen verlassen.

Suchen und Finden

Ändern wir den Blick ein weiteres Mal. Jede Blickänderung führt zu neuen Möglichkeiten, das Bild zu verstehen. Solche Blickwechsel entstehen beim Suchen und Finden, wie es der Philosoph Manfred Sommer nennt. Ein solcher Fund ist eine seltene Lithografie, die Picasso ein Jahr vor dem Ostwall-Gemälde angefertigt hat. Auch dieses Bild zeigt eine nackte schlafende Frau, an die sich eine Katze schmiegt. Der Künstler hat dieses Bild für eine Festschrift entworfen, die seinem Freund Georges Braque gewidmet ist. Deswegen schreibt Picasso auf das Blatt eine persönliche Widmung, die man etwa so übersetzen kann: „Braque, Du hast mir vor sehr, sehr langer Zeit einmal gesagt, als Du mich beim Spaziergang mit einem Mädchen von so genannter klassischer Schönheit trafst: In der Liebe hast Du Dich noch nicht genügend von den Meistern befreit; auf jeden Fall kann ich heute sagen, ich liebe Dich; Du siehst, ich kann mich immer noch nicht (von den Meistern) befreien.“ Picasso trennt in dieser Widmung sein privates Leben von seiner Arbeit als Maler, in der er sich nach wie vor mit seinen Vorbildern auseinandersetzt und nach künstlerischen Wegen sucht, Inhalte mit seinen Mitteln darzustellen, die im Repertoire der Kunst wie ein Lexikon aufgelistet sind. Das führt zwangsläufig zu Verschiebungen in der Wahrnehmung, nicht in erster Linie des Malobjekts (also der schlafenden Frau), wohl aber in den Neuentwürfen der malerischen Form, die unter Umständen besondere Blicke betont und andere vernachlässigt. Das Gemälde im Museum Ostwall ist deshalb auch eine Versuchsanordnung.

Bildspiele

Es ist vorstellbar, dass Picasso für manche seiner Bilder keine Modelle brauchte. Man weiß, dass viele Bilder nur mit dem Blick auf die Leinwand entstanden. Das ist eine andere Vorstellung des Verhältnisses von Maler und Modell, wie sie Jacques Rivette in seinem Film „Die schöne Querulantin“ nach dem Text „Das unvollendete Meisterwerk“ von Honoré de Balsac entwickelt. Dort entsteht der Frauenakt in einer dynamischen Auseinandersetzung zwischen dem Maler und seinem Modell, das in seinen Stellungen vom Künstler verrenkt und immer wieder verändert wird. In vielen Bildern Picassos sieht man aber, dass er nur mit der Malerei spielt und ihre Möglichkeiten erweitert: durch eine suchende Malerei, durch schnelle Entscheidungen und Übermalungen, durch die Entdeckung neuer Zusammenstellungen von Formen und Motiven und durch das Wagnis, Dinge darzustellen, die man noch nicht gesehen hat – Merkmale der Malerei, die heute selbstverständlich sind. Solche Spiele sind häufig sehr kurz: Picasso scheint das Bild an einem Tag gemalt zu haben: am 18. April 1965.

"Korrespondenz"

Nach der Lektüre des Picasso-Aufsatzes stellte ich (schriftlich) dem Autor  Klaus-Peter Busse noch die folgenden Fragen: 

1. Frage
Beginnen wir mit einem Abgleich, mit dem, was wir beide auf dem Bild sehen. Du schreibst:
Das Bild erzählt nichts, wenn überhaupt nur die Geschichte, dass ein Maler eine nackte schlafende Frau beobachtet.
           Auch wenn der Bildtitel („Nackte, schlafende Frau“) etwas anderes sagt, ich sehe in dem Bild zwar eine nackte, aber keine schlafende Frau. Die Augen sind weit geöffnet und vor allem ihre Fuß- und Handstellung machen einen sehr aktiven und wachen Eindruck. Hinzu kommt, dass auch bei deinem Bezugsbild von Manet die Frau keineswegs schläft.

Antwort
Das ist ein Widerspruch zwischen der Sichtweise des Malers und den Deutungen des Betrachters. Umberto Eco hat vor vielen Jahren geschrieben, dass Werk, Künstler und Betrachter ihre jeweils eigenen Blicke haben können. Wo liegen aber in dieser theoretischen Sicht die „Grenzen der Interpretation“? Ich denke, dass das Werk, wie es sich zeigt, eine Maßgabe sein muss. Deswegen ist für den Malprozess entscheidend, wie er sich in dem Gemälde offenlegt. In diesem Fall hat Picasso Motivfragmente neben- und übereinander gelegt. Dabei entstehen Widersprüchlichkeiten, die das Bild ausmachen. So kann ich mir das Bild nicht mit geschlossenen Augen vorstellen. Die Darstellung der Augen korrespondiert mit der Darstellung der Füße. Das war Picasso wohl wichtig.

2. Frage
Du schreibst weiter:
dass bei dem Bild der Darstellungsinhalt nur ein Vorwand ist.
Jetzt ist der Darstellungsinhalt aber eine Frau und nicht ein Korb Früchte. Besteht nicht die Gefahr, dass dieser Blick des Malers auf die Frau (und damit auch das Bild) entwürdigend, wenn nicht gar frauenfeindlich ist?

Antwort
Das kann natürlich sein, hängt aber wieder mit den Eco-Prämissen zusammen. Ein Betrachter oder eine Betrachterin können das Bild so empfinden. Es fragt sich aber, wodurch sich ein solcher Blick begründet. Man beachtet in der Auseinandersetzung mit Kunst viel zu wenig, dass das Bild und seine Wahrnehmung ein sehr komplexes kommunikatives Handlungsspiel sind. Entwürdigend und frauenfeindlich wären Bilder, in denen ihre Macher frauenfeindliche und entwürdigende Absichten in einem großen Deutungszusammenhang verfolgen. Das gilt nicht für Picasso, wohl aber für andere Personenkreise, die solche Bilder herstellen.

3. Frage
Du schreibst:
Es verbergen sich hinter ihm(dem Gemälde) andere Bilder: vor allem Werke, die Picasso gesehen hat, aber auch Bilder, denen die Betrachter*innen schon einmal begegnet sind.
Einleuchtend ist, dass ein Maler bewusst oder unbewusst Bezug nimmt auf Bilder, die er schon gesehen bzw. selber gestaltet hat. Aber wie können sich in einem Bild von Picasso Bilder verbergen, die der jeweilige Betrachter gesehen hat?

Antwort
Blickt man auf ein Bild, trägt man sein eigenes Bildgedächtnis mit sich. Man kann dieses Bildgedächtnis nur schwer ausschalten, weder im Alltag, noch im Museum oder sonst wo. Sieht man also das Bild einer nackten schlafenden Frau, öffnen sich, wie wir gerade besprochen haben, viele Blickfelder. Wie diese Blickfelder aussehen, hängt von den Repertoires ab, die sich jeweils angesammelt haben. Habe ich also vorher andere Bilder solcher Frauen zum Beispiel in einem Museum gesehen oder in einem Museumsführer, dann sehe ich diese Bilder mit. Das hängt auch mit Deiner zweiten Frage zusammen. Welche Bilder das letztlich sind, die man mitsieht, hängt von den kulturellen Praktiken der Betrachter*innen ab. Personen, die nicht in ein Museum gehen, sehen andere Bildwelten. Um aber einem Kunstwerk gerecht zu werden, muss man es in seinen Kontexten sehen. Das zu erkennen, ist für eine Kunstvermittlung wesentlich.

4. Frage
Du schreibst über das Picasso-Bild:
Es ist viel weniger verfänglich als Beckmanns „Afternoon“ an anderer Stelle in der Ausstellung.
Lässt sich deine Gegenüberstellung Picasso Beckmann so verstehen., dass Picasso spielerisch die Tradition der Malerei aufgreifend eher rein ästhetisch experimentiert, während Beckmann mit seinem Bild grundsätzliche Aussagen über den Kampf der Geschlechter – mit durchaus lebensgeschichtlichen Bezügen – machen möchte und mit dieser Zielsetzung auch viel eher scheitern kann?

Antwort
Nach meinen Antworten auf Deine Fragen ist diese Behauptung nur mehr als schlüssig.

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