Malen als Entdecken

von Klaus-Peter Busse

Julian Schnabel und Jiří Georg Dokoupil arbeiten im Berliner Atelier von Georg Dokoupil, 2015, Fotografie @ Deyan Manolov

Jiří Georg Dokoupil & Julian Schnabel
Two Czechoslovakians walk into a bar / Collaboration Paintings
bis 15. August 2021

 

Osthaus Museum Hagen

Es war überraschend zu lesen, dass einer der amerikanischen Malerfürsten Bilder in Hagen ausstellen wird. Noch überraschender war der Besuch im Osthaus Museum, das gerade 13 XXL-Gemälde zeigt, die Julian Schnabel und Jiří Georg Dokoupil gemeinsam in Berlin gemalt haben. Wie es dazu kam, erfährt man in der Ausstellung durch die informativen Texte des Kurators. Gemeinschaftsbilder sind in der Malerei eine Seltenheit.

Eigenes Foto
Eigenes Foto

Die Präsentation ist ein Fest der Malerei. In beeindruckender Weise hängen die sehr großen Bilder in den offenen Räumen des Museums, sorgfältig arrangiert und durch Blickachsen zwischen den Räumen miteinander verbunden. Alles, was Maler beim Arbeiten zur Verfügung haben, kommt zum Einsatz: Besen, Sprühdosen, mit Farbe getränkte Tücher, die über den Malgrund gezogen wurden, Folien, Papiere. Es scheint, als ob Jiří Georg Dokoupil mit dem Malen auf Linoleum angefangen hat, als er Seifenblasen auf den Bildern verteilte. Julian Schnabel war wohl für die großen Motive zuständig: Spuren eines kraftvollen Wurfs von Farbmaterialien auf die sehr großen Bildflächen. In diesen Gemälden erzählen die Bilder ihre eigenen Geschichten: von ihrer Entstehung und von dem malerischen Dialog der beiden Künstler. Diese Geschichten können die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung selbst entdecken, wenn sie versuchen nachzuvollziehen, wie die Bilder entstanden sind. Denn das ist das Thema dieser Ausstellung: die Erzeugung von Malerei – ein Maltheater.

Dabei helfen die vielen Druckgrafiken von Julian Schnabel, die das Museum in seinen Kabinetten ausstellt. Auch diese Präsentation ist gelungen, und sie stellt die Arbeitsweise des Künstlers vor. Schnabel hat sich in seinem Werk intensiv mit den Möglichkeiten der Druckgrafik beschäftigt. Er sucht nach Motiven in Landkarten, Fotografien und anderen Ikonografien, überführt sie in große Formate innovativer digitaler Print-Techniken und überarbeitet sie mit gegenständlichen Motiven oder mit malerischen Gesten. Fügt der Künstler Schriftzüge hinzu, erinnern diese Bilder an die Arbeiten von Cy Twombly, mit dem Schnabel befreundet war. Vielleicht wäre dies der Anlass für eine kleine Sommerkunstreise von Hagen nach Köln in die Böhm-Kapelle der Jablonka-Stiftung (https://www.boehmchapel.com/about/). Dort werden die Gemälde gezeigt, die Schnabel malte, als Cy Twombly, der um eine Generation ältere Künstler, 2011 starb. „On The Day Cy died“ entstand in tiefer Verneigung vor dem malerischen Erbe des Freundes. Wer weiterfahren will, kann im Opernturm in Frankfurt das große Gemälde betrachten, das Julian Schnabel über den Roman „Moby Dick“ von Herman Melville angefertigt hat (https://opernturm.de/en/the-building/). Es ist 12 Meter hoch und 13 Meter breit. Der Verweis auf die amerikanische Literatur gehört zum Werk des Künstlers. Wale, Fische, Vögel: seine Kunst kartografiert die amerikanische und europäische Motivwelt, manchmal in gigantomanischer Weise.

Die Ausstellung von Schnabels Druckgrafik in Hagen kann man als Lesehilfe der großen Gemälde verstehen. Vielleicht sieht man sie auch als Anhängsel, weil der Ausstellungstitel nicht auf die gedruckten Bilder hinweist. Auch sind ihre Besitzverhältnisse unklar (was für ein öffentliches Museum ungewöhnlich ist). Prüft man diese genauer, wird man schnell entdecken, dass die Bilder in einer Netzgalerie käuflich zu erwerben sind. Die Ausstellung hat damit eine enge Bindung zum Kunsthandel.

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